7 Fragen an Jenni Becker (Podcast)

Jenni Becker

Ich habe die ehe­malige stu­den­tische Vize­prä­si­dentin Jen­nifer Becker zu einem kurzen Interview ein­ge­laden. Nach zwei­einhalb Jahren im Amt und 10 Semestern hört sie auf und schreibt jetzt, im Som­mer­se­mester 2019, ihre Bache­lor­arbeit. Grund für diese Über­schreitung der Regel­stu­di­enzeit war unter anderem auch ihr Amt als stu­den­tische Vize­prä­si­dentin. Am Anfang ihres Stu­diums in der Sozialen Arbeit war sie im StuRa, dem Fach­be­reichsrat, in einer Beru­fungs­kom­mission und als stu­den­tische Hilfs­kraft im Gleich­stel­lungsbüro tätig.

Wenn ihr mehr erfahren wollt, wie Jenni ihre Moti­vation behalten hat, was für Erfah­rungen sie in den letzten Jahren gemacht hat und was ihr Lieb­lings­projekt war, dann hört euch den Podcast mit ihr an! Und falls euch nicht nach Zuhören ist, folgt die Tran­skription. Zum Ende gibt es noch ein letztes Wort von ihr an die Stu­die­ren­den­schaft!

Herzlich Will­kommen zu einer neuen Folge des Semi­kolon Podcast „7 Fragen an“. Ich bin Elena und es folgt ein Interview mit Jenni Becker, der ehe­ma­ligen stu­den­ti­schen Vize­prä­si­dentin der FHP. Sie wird sich jetzt einmal kurz selbst vor­stellen.
Ja, hi, ich bin Jenni. Ich bin 33 Jahre alt, stu­diere soziale Arbeit und bin jetzt in meinem 10. Semester. Ich lebe in Berlin und stu­diere in Potsdam, das heißt ich fahre jeden Tag und habe jetzt vor im nächsten Semester meine Bache­lor­arbeit zu schreiben, weil ich nach zwei­einhalb Jahren das Amt jetzt abge­geben habe.
1. Genau, du sagtest schon zwei­einhalb Jahre, das ist eine sehr lange Zeit. Was war deine Moti­vation anfangs, ist sie heute immer noch die gleiche? Dass du so lange wei­ter­ge­macht hast?
Die ursprüng­liche Moti­vation war tat­sächlich, dass ich vorher schon ein bisschen im StuRa bei uns war im Fach­be­reich, auch im Fach­be­reichsrat und mit­be­kommen habe, dass da Ent­schei­dungen aus der Hoch­schul­leitung kommen, die ich nicht nach­voll­ziehen kann oder mit denen ich auch einfach nicht zufrieden war. Und ich fand das sehr schön, dass wir die Mög­lichkeit haben hinter die Kulissen zu blicken, mit so einem Amt und sich daran zu betei­ligen was in der Hoch­schul­leitung pas­siert, um zu ver­stehen, was da alles dazu­gehört … So wichtige Ent­schei­dungen auch treffen zu müssen und warum sie auch so getroffen werden, wie es dann pas­siert. So ein Teil der Moti­vation. Ansonsten fand ich es wahn­sinnig inter­essant, dass es so ein Amt gibt und war sehr sehr neu­gierig, was es für mich bedeuten kann, so was zu machen.
2. Schön! Hast du was per­sönlich mit­ge­nommen und gelernt durch das Amt?
Ja, ganz viel. Was ich mit­ge­nommen habe, dass ich mit einem ziemlich starren Idea­lismus gestartet bin und gelernt habe, dass es einfach poli­ti­sches Handeln ist, und das ganz oft auch bedeutet dass man poli­tisch stra­te­gisch denken muss, dass man sehr diplo­ma­tisch bleibt und dass es immer darum geht, Kom­pro­misse zu finden. Also das Amt ist nicht dafür da, dass ich da meinen Willen durch­setzte und das war eine ganz wichtige und wert­volle Erfahrung, das zu lernen und zusam­men­zu­ar­beiten. Und ansonsten habe ich für mich ganz viel mit­ge­nommen an Kom­pe­tenzen. Also ich habe gelernt vor unglaublich vielen Men­schen zu sprechen, zu stehen und zu reden, was ich vorher nie gerne gemacht habe und habe auch gelernt mich zu ver­netzen. Ich war immer gerne ein­zel­gän­ge­risch unterwegs und habe jetzt gelernt in ganz ganz vielen ver­schie­denen Gruppen, AGs, Gremien immer wieder mit vielen Men­schen zusam­men­zu­ar­beiten und wie gut das sein kann, wie wertvoll das ist, diese ganzen Leute um sich herum zu haben.
Meinst du, du bist jetzt bereit­wil­liger vor großen Men­schen­massen zu stehen?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe da Berüh­rungs­ängste restlos ver­loren. Ich habe vorher vor jedem Referat gezittert. Ich saß bei mir, also die ersten zwei Semestern in den Semi­naren und habe immer den Leuten, die neben mir saßen, die Ant­worten gesagt, damit sie sich melden, weil ich mich nicht getraut habe. Und die, also so Sachen wie Mode­ration tat­sächlich auch von grö­ßeren Ver­an­stal­tungen, habe ich sehr zu schätzen gelernt, das ist ganz auf­regend und hin­terher immer ganz toll, dass man es gemacht hat.
Cool. Hast du auch was für die Zukunft gelernt, viel­leicht auch für deinen ange­strebten Beruf?
Jaa, also ich stu­diere ja Soziale Arbeit und da arbeitet man natürlich auch immer in einem poli­ti­schen Kontext oder ist zumindest von poli­ti­schen Instanzen irgendwie berührt. Das heißt man muss ver­handeln mit dem Bund und dem Land, wenn es um Finan­zierung geht. Man wird immer in Kontakt mit Minis­terien oder poli­ti­schen Insti­tu­tionen an sich sein. Und es ist total wertvoll und wichtig, jetzt zu ver­stehen wie da die Abläufe sind und wie solche Pro­zesse funk­tio­nieren, um viel­leicht zukünftig viel­leicht auch ein bisschen mehr Ver­ständnis zu haben, aber auch zu wissen, welche Hebel man irgendwie ansteuern kann, welche Knöpfe man drücken kann, wenn man Dinge durch­setzen möchte.
3. Wie viele Leute hast du durch das Amt ken­nen­ge­lernt? Wen grüßt du so täglich auf dem Campus?
Hun­derte, ja, nach zwei­einhalb Jahren kennt man ganz viele Semester von Stu­die­renden, man kennt ganz ganz viele Leh­rende, man kennt ganz viele andere Hoch­schulen, man kennt halb Potsdam, Bran­denburg. Ich war ja auch viel Unterwegs mit dem fzs, also dem freien zusam­men­schluss von student*innenschaften. Und ich habe hun­derte von Men­schen ken­nen­ge­lernt und es pas­siert mir immer noch, dass Men­schen auf mich zukommen und ein Gespräch mit mir auf­nehmen, was wir mal geführt haben und ich sie einfach nicht mehr zuordnen kann. Was mir sehr leid tut, aber es waren einfach so unglaublich viele Gesichter und viele Namen.
4. Hattest du irgend­welche Pro­jekte über die Jahre, die du einfach nur, sozu­sagen für dich gemacht hast, weil du dich damit ganz doll ver­bunden gefühlt hast?
Ja, ich habe auf jeden Fall eigene Themen gemacht. Eins, also das größte Thema für mich, mit dem bin ich vor zwei­einhalb Jahren gestartet, war einfach das Thema Diversity und auch Anti­dis­kri­mi­nierung eben grund­sätzlich. Und das hat mich schon die ganzen zwei­einhalb Jahre begleitet und da ist ganz viel pas­siert und ich hatte das Glück mit Sandra Cartes, unserer Gleich­stel­lungs­be­auf­tragten, sehr sehr viel zusam­men­zu­ar­beiten, ganz viel Unter­stützung zu haben. Oder mit dem AStA auch dieses Thema gut setzen zu können in der Hoch­schule. Wir haben eine Ver­an­stal­tungs­reihe gehabt, zu vier ver­schie­denen Themen, wo es darum ging zu schauen wie eigentlich tat­sächlich die Situation hier in der FHP ist und was können wir tun um besser mit­ein­ander umzu­gehen und final ist, dass das halt auch in die Hoch­schul-Ver­trags­ver­hand­lungen rein­ge­gangen ist, dadurch dass ich in dem Amt bin, auch für die Hoch­schul­ver­träge für Bran­denburg das Thema Anti­dis­kri­mi­nierung und Anti­ras­sismus setzen.
5. Was ist das Wich­tigste in deinem Amt gewesen und was war viel­leicht in der gleichen Hand dein größter Erfolg?
Das Wich­tigste für mich, damit es über­haupt funk­tio­nieren konnte, war auf jeden fall die Zusam­men­arbeit mit dem AStA. Das waren in den zwei­einhalb Jahren auch immer ver­schiedene Men­schen, teil­weise. Es war unglaublich wichtig, da zu wissen, dass man da Aner­kennung hat, dass wir zusam­men­ar­beiten. Ich weiß, dass das Amt an vielen Hoch­schulen gerade von Stu­die­renden kri­tisch gesehen wird, weil sie Angst haben, dass die Hoch­schul­leitung jemand ins Prä­sidium setzt und dann eben der AStA nicht mehr gefragt wird und wenn da einer sitzt, der gerne alles abnickt und ja, so die bequeme Lösung über die Hoch­schul­leitung einfach bietet. Und das ist das was hier nicht pas­siert.

Also wir haben eine ganz starke Stu­die­ren­den­ver­tretung, ich habe da so viele groß­artige Men­schen ken­nen­ge­lernt, die so viel geleistet haben die letzten Jahre und gleich­zeitig mich unter­stützt haben, dass ich mein Amt so gut machen konnte. Und des­wegen war der AStA für die gesamte Zeit das Wich­tigste für mich in dem Amt und der größte Erfolg, ist tat­sächlich was wir eben schon mal kruz gesagt haben, der Hoch­schul­vertrag. Zu wissen, dass ich aus dem Amt gehe, und etwas ganz Wich­tiges mit hin­ter­lassen konnte. Da habe ich mit der Bran­den­bur­gi­schen Stu­die­ren­den­ver­tretung gear­beitet, wir haben das zusammen plat­ziert und sie haben mich da unter­stützen können und die Hoch­schulen in Bran­denburg sind jetzt eben ver­pflichtet Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­arbeit zu leisten, Struk­turen auf­zu­bauen, ver­ant­wort­liche Per­sonen zu benennen und auch die Stu­die­renden sind zukünftig vom all­ge­meinen Gleich­be­hand­lungs­gesetz geschützt, das war bisher nicht so. In Zukunft könnnen sie sich eben in Dis­kri­mi­nie­rungs­fällen auf dieses Gesetz berufen und damit schützen. Und das ist das Wichtige und ich bin froh, dass wir das jetzt haben und ich damit, ja, eben ein Ergebnis habe, das eben bestehen bleibt, wenn ich jetzt gehe.

6. Das ist defi­nitiv ein großer Erfolg. Hast du über die zwei­einhalb Jahren es auch mal bereut das Amt ange­nommen zu haben?
(tiefes ein­atmen) Ja, tat­sächlich. Also es gab schon Momente, in denen das ganz ganz viel wurde, und es gab größere Kon­flikte, die für mich auch emo­tional ziemlich hart waren teil­weise und es gab Situa­tionen in denen die Themen einfach zu viele waren. Es war sehr schwierig zu wissen, bis wohin das Amt reicht und wann ich eigentlich auch Fei­er­abend mache. Und wenn es darum geht, was die Stu­die­renden betrifft, da ist es letztlich alles, und mit der Selbst­ver­ständ­lichkeit kommen auch ganz viele Men­schen und wollen, dass man sich den Themen widmet, sich in noch ein Gremium setzt und noch ein Projekt mit aneignet.

Es gab Situa­tionen in denen es absolut zu viel wurde und ich dann eigentlich gar nicht mehr arbeiten konnte, weil ich gar nicht wusste wo ich anfangen soll und mich das echt über­fordert hat, und ich konnte da immer wieder ganz gut raus­kommen. Es gab so diese Tief­punkte, gerade mit der Unter­stützung mit den wich­tigen Leuten mit denen ich zusam­men­ge­ar­beitet habe und wo ich einfach mal ehrlich darüber reden konnte, wie ich gerade stehe und da ist es eben immer schnell wieder gelungen zu wissen, dass es wichtig ist, dass ich das leisten kann und dass ich das auch möchte und dass es jetzt auch sinnvoll ist, ein oder zwei Themen abzu­geben und die anderen einfach gut wei­ter­zu­machen.

7. Und jetzt meine letzte Frage. Hast du trotz der kurzen Zeit in der die Hoch­schul­leitung gewechselt hat, einen Unter­schied bemerkt zwi­schen Herrn Binas und Frau Schmitt-Rodermund?
Ja, es gibt einen Unter­schied. Ich habe das Gefühl, da geht gerade eine ganz andere Geschwin­digkeit durch das Prä­sidium, es wird teil­weise viel prag­ma­ti­scher, struk­tu­rierter. Herr Binas hat sich immer sehr viel Zeit genommen, aus­führ­liche Gespräche zu führen und hat selber auch gerne vom Hun­dertsten ins Tau­sendste gedacht und wollte sich darüber aus­tau­schen und mir fehlte da manchmal die Geduld. Und er hat das auch ganz anders gemacht irgendwie, diese Prä­si­di­ums­sit­zungen zu leiten und Themen aus­zu­handeln.

Was ich jetzt merke, ist, dass es prag­ma­ti­scher ist, dass Struktur da ist, dass ganz klare Vor­gaben sind, wie ein Thema ein­ge­reicht wird, besprochen wird und wie schnell da die Ent­schei­dungen getroffen werden können. Das wäre so der Unter­schied, den ich wahr­nehme. Es ist alles ein bisschen schneller, ohne dass man das Gefühl hat, dass man es nicht nach­voll­ziehen kann. Das wäre was wo ich sagen kann, das finde ich ganz gut, dass es jetzt mal anders ist.

Dan­ke­schön für dieses Interview. Möchtest du viel­leicht noch ein Schlusswort-Satz an die Stu­die­renden sagen, da du jetzt sozu­sagen dein Amt ver­lässt?
Ja, tat­sächlich, also mit meiner Dank­barkeit für diese zwei­einhalb Jahre, dass ich das machen konnte und durfte, wäre das Wich­tigste für mich, dass es mit dem Amt auch wirklich wei­tergeht. Mich betrifft es gar nicht mehr, ich bin hier in einem halben Jahr weg und finde es so wahn­sinnig wichtig, dass dieses Amt bestehen bleibt, für die Hoch­schule und für die Stu­die­renden, wir haben ein unglaub­liches Pri­vileg damit, was ganz ganz viele Hoch­schulen einfach nicht haben und viele Stu­die­rende nicht haben und des­wegen hoffe ich sehr, dass sich da immer wieder Men­schen finden werden, die in jeder Hoch­schul­leitung durch­setzen, dass es dieses Amt wei­terhin gibt und die dieses Amt dann auch besetzen und hier an der lang­fris­tigen Hoch­schul­ent­wicklung sich wirklich auch betei­ligen können und es tun.

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Bei­tragsbild: © Nikolas Ripka

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