Campusgesichter: Marisa

© Migle Vyturyte

Ob hinter uns in der Schlange der Mensa stehend, mit der Kaf­fee­tasse in der Hand an uns vorbei huschend oder gemeinsam mit uns aus der Tram steigend; täglich begegnen wir auf dem Campus den unter­schied­lichsten Gesichtern, in denen sich mal Stress, Freude oder auch einfach nur Müdigkeit wider­spiegelt. Und obwohl wir uns immer wieder aufs Neue begegnen, erfahren wir doch nie mehr als uns ein kurzes, plötz­liches Zusam­men­treffen des gemein­samen Blickes ver­raten kann.

Um nicht alle Geschichten zu ver­passen, welche Tag für Tag an uns vor­bei­ziehen, aber auch um ein wenig die Men­schen, mit denen wir unbe­wusst unseren Alltag ver­bringen, besser ken­nen­zu­lernen … die Bei­trags­reihe Cam­pus­ge­sichter.

Das dritte Gesicht: Marisa

Es ist Holz.
Holz, das sich an manchen Stellen ver­färbt hat, das Gebrauchs­spuren auf­weist, das ein­ge­rissen ist und porös wirkt.
Holz, welches aus einer ver­gan­genen Zeit stammt, in der es eine Funktion zu erfüllen hatte.
Holz, welches jetzt zusam­men­hangslos dasteht, getrennt von der eigenen Geschichte.
Es ist Holz, das etwas zu erzählen hat.

„Zuge­geben, Über­reste einer Holz­ba­racke wirken im ersten Augen­blick sehr unper­sönlich. Gerade, wenn kei­nerlei Ein­rit­zungen, Mar­kie­rungen oder Ähn­liches vor­handen sind, die einem eine Geschichte erzählen könnten, wie in diesem Fall. Dieses Objekt schafft jedoch eine Nähe durch seinen eigenen his­to­ri­schen Hin­ter­grund und diesem kann man sich nicht ent­ziehen.“

Marisa ist Mas­ter­stu­dentin der Restau­rierung an der Fach­hoch­schule Potsdam. Wie schon im Bache­lor­studium arbeitet sie innerhalb ihres Stu­diums an einem Objekt, anhand dessen sie, unter Auf­sicht der Leh­renden, die theo­re­tisch erlernten Inhalte in die Praxis umsetzen kann. Welche Auf­gaben und Ziele sie dabei erfüllen muss, hängt ganz vom Leih­geber oder Eigen­tümer, dem Zustand des Objektes und ethi­schen Aspekten der Restau­rierung ab. Bei den anfangs beschrie­benen Holz­teilen handelt es sich um Über­reste des „Aus­län­der­kran­ken­hauses Mahlow“, welches während des Natio­nal­so­zia­lismus in Bran­denburg dazu diente, erkrankte zwangs­ar­bei­tende Men­schen medi­zi­nisch soweit zu ver­sorgen, dass sie wieder arbeits­fähig waren. Das Wort Ver­sorgung ist in diesem Zusam­menhang kri­tisch zu hin­ter­fragen. Die Behandlung der Patient*innen war extrem schlecht und man begegnete ihnen auch hier mit der damals vor­herr­schenden NS-Ideo­logie und „Ras­sen­po­litik“.

Marisas aktuelle Aufgabe ist es, diese Über­reste für die Nachwelt zu erhalten und einige trans­port­fähig für Aus­stel­lungen zu machen. „Meine Arbeit besteht im Erhalten solcher his­to­ri­scher Objekte und in der Auf­ar­beitung ihres geschicht­lichen Kon­textes, um sie nicht voll­ständig in Ver­ges­senheit geraten zu lassen. Erhalten, um die Geschichte deutlich und bildlich machen zu können, um Infor­ma­tionen über Mate­rialien, Her­stellung und Technik am Leben zu halten. Die Infor­ma­ti­ons­vielfalt eines Objektes kann nicht allein durch Bilder und einen Bericht ersetzt werden. Wir benö­tigen diese Gegen­stände als Medium für unsere kol­lektive Erin­nerung. Denn wenn es nie­manden mehr gibt, der uns davon erzählen kann, wie werden wir uns dann noch erinnern können? Ziel ist es nicht, die Geschichte eins zu eins nach­zu­stellen, da dies ohnehin ein unmög­liches Unter­fangen ist. Es geht darum, einen Beitrag gegen das Ver­gessen zu leisten.“

Ihre Lei­den­schaft für ihre Tätigkeit, für ihr Studium ist anste­ckend. Wenn sie über Her­an­ge­hens­weisen, Arbeits­ab­läufe und Tech­niken der Restau­rierung spricht, beginnt man selbst eine Fas­zi­nation für diese Arbeit zu ent­wi­ckeln. „Beim ersten Anblick der Werk­stätten und Gerät­schaften hier an der Fach­hoch­schule hatte mich das Studium schon ganz für sich gewonnen. Dadurch, dass die Objekte nichts erzählen können beschäftigt man sich damit, ihnen durch intensive Recherche, For­schung und Auf­ar­beitung eine Art des Spre­chens zu ver­leihen. Das Objekt durch seine Erfor­schung und Bear­beitung hin­durch begleiten zu dürfen stellt für mich einen großen Reiz dar.“

Bei den übrig geblie­benen Bara­cken­teilen des „Aus­län­der­kran­ken­hauses Mahlow“, die auf den ersten Blick viel­leicht bedeu­tungslos wirken mögen, ent­faltet diese wis­sen­schaft­liche, detail­lierte und struk­tu­rierte Her­an­ge­hens­weise ihre volle Wirkung. Marisas Aus­ein­an­der­setzung mit dem Holz führt nicht nur zur genauen Kenntnis des Mate­rials und dessen Beschaf­fenheit. Sie erhält Ein­blick in die Bru­ta­lität dieser Zeit, in die Orga­ni­sation der Zwangs­arbeit. „Es ent­wi­ckelt sich vor allem ein neues Bewusstsein bei mir. Eine Form des Bewusst­seins, dass sich anders als über den reinen Schul­un­ter­richt ver­mittelt. Meine erste Führung über das ehe­malige Gelände machte mir deutlich, dass sich das gesamte Geschehen quasi in direkter Nähe zu unserem jet­zigen Lebensort abge­spielt hat. Diese Baracken dienten der Unter­bringung von kranken Zwangsarbeiter*innen oder als Unter­kunft für dort arbei­tenden Zwangsarbeiter*innen. Auch hier finden wir ein wei­teres Kapitel des Natio­nal­so­zia­lismus, das jedoch bisher kaum Beachtung erfährt. Je mehr ich mich also mit dem Objekt aus­ein­an­der­setze, desto mehr begreife und lerne ich über die damals vor­herr­schenden Lebens­be­din­gungen und welche Bedeutung diesem Holz in unserer heu­tigen Zeit zukommt.“

1494 Männer, Frauen und Kinder kamen laut dem Ster­bebuch der Gemeinde Mahlow seit der Gründung des Kran­ken­hauses 1942 hier zu Tode. Es wird ver­mutet, dass es sich in Mahlow um die größte Ein­richtung dieser Art in Deutschland han­delte. Durch die aktive Initiative und Anstrengung der Gemeinde und der Ideen­werk­statt Mahlow besteht seit 2013 das Bestreben das ver­gessene und ver­drängte his­to­rische Erbe dieses Ortes wieder auf­zu­ar­beiten und der Öffent­lichkeit zugänglich zu machen. Auch wenn es im ersten Augen­blick nur Holz sein mag, so ist es eines der letzten Bedeu­tungs­träger, der letzten Medien, welche unsere Erin­nerung an die Ver­brechen des Natio­nal­so­zia­lismus an diesem Ort am Leben halten können und umso wich­tiger ist es, dass es Men­schen wie Marisa gibt, die einen aktiven Beitrag zu dieser Auf­ar­beitung leisten.

Über das Projekt

Dieser Beitrag ist im Kurs „Presse- und Öffent­lich­keits­arbeit in der Restau­rierung“ ent­standen, eine Koope­ration zwi­schen den Stu­di­en­gängen Kul­tur­arbeit und Kon­ser­vierung & Restau­rierung unter der Leitung von Prof. Dr. Julia Glesner und Prof. Dr. Angelika Rauch im Som­mer­se­mester 2019.

Mitwirkende

Berit Birster, Erina Nishida, Claudia Stoleru, Migle Vyturyte und Marisa Zengin

Weitere Informationen

Alle genannten Daten zum „Aus­län­der­kran­kenhaus Mahlow“ und wei­ter­füh­rende Infor­ma­tionen: www.gedenkort-mahlow.de

Schreibe einen Kommentar