Campusgesichter: Zaineh

Ob hinter uns in der Schlange der Mensa stehend, mit der Kaffeetasse in der Hand an uns vorbei huschend oder gemeinsam mit uns aus der Tram steigend; täglich begegnen wir auf dem Campus den unterschiedlichsten Gesichtern, in denen sich mal Stress, Freude oder auch einfach nur Müdigkeit widerspiegelt. Und obwohl wir uns immer wieder aufs Neue begegnen, erfahren wir doch nie mehr als uns ein kurzes, plötzliches Zusammentreffen des gemeinsamen Blickes verraten kann.

Um nicht alle Geschichten zu verpassen, welche Tag für Tag an uns vorbeiziehen, aber auch um ein wenig die Menschen, mit denen wir unbewusst unseren Alltag verbringen, besser kennenzulernen … die Beitragsreihe Campusgesichter.

Das erste Gesicht: Zaineh

Between Rita and my eyes
There is a rifle
And whoever knows Rita
Kneels and prays
To the divinity in those honey-colored eyes.

„Es ist eines meiner liebsten Gedichte. Es handelt von seiner Liebe zu einem israelischen Mädchen, welche aufgrund des bestehenden Nahostkonflikts keine Zukunft haben kann“. Als Zaineh mir die Zeilen von Mahmoud Darwishs Gedicht rita and the rifle vorliest, überkommt sie ein Hauch von Sehnsucht. Zaineh ist im palästinensischen Teil Jerusalems geboren und studiert seit dem letzten Wintersemester Kulturarbeit an der FH Potsdam.

Warum eigentlich Deutschland, frage ich sie und Zaineh muss lachen. Die Gründe sind eigentlich ganz simpel. Ab der siebten Klasse hatte Zaineh die Möglichkeit ihre Schullaufbahn auf Deutsch zu absolvieren und schloss diese dann auch erfolgreich mit einem deutschen Abitur ab. Und da es Studiengänge wie Kulturarbeit in Palästina nicht gibt, lag der Entschluss nach Deutschland zu gehen dann doch irgendwie auf der Hand.

Die Ankunft in Deutschland war zunächst nicht wirklich leicht. „Palästina und Deutschland. Das sind zwei völlig unterschiedliche Systeme. Hinzu kam, dass ich nicht nur von jetzt auf gleich alles in meinem Kopf ins Deutsche übersetzten musste, sondern auch erst einmal Deutschland selbst verstehen lernen musste.“ Es sind die kleinen Dinge, die wir in unserer Selbstverständlichkeit kaum wahrnehmen und Zaineh noch immer zum Staunen bringen. Allein dass so gut wie jede*r hier einen Terminplaner besitzt, wäre in Palästina kaum vorstellbar, sagt Zaineh.

And I kissed Rita
When she was young
And I remember how she approached
And how my arm covered the loveliest of braids.
And I remember Rita
The way a sparrow remembers its stream
Ah, Rita

Theater, Oper, Museum oder Kino. Es mag für uns ungewohnt klingen, aber solche Orte existieren in Palästina nicht. Dementsprechend gibt es auch, abgesehen von einzelnen Projekten, kaum Raum für kulturelle Arbeit. Genau aus diesem Grund hat Zaineh den Entschluss gefasst, an der bestehenden Situation in ihrem Heimatland etwas verändern zu wollen: „Kultur hat aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Lage in meinem Land keine wirkliche Bedeutung. Doch ich glaube, dass die Wirkung, welche Kultur entfalten kann, unterschätzt wird und gerade als Mittel des Perspektivwechsels hilfreich sein kann“.

Ihr Ziel ist es nach dem Studium zurückzukehren und eine Institution zu gründen, die sich für die kulturelle Bildung und Entwicklung von Jugendlichen einsetzt und so der Kultur einen neuen Stellenwert zu geben.

Between us there are a million sparrows and images
And many a rendezvous
Fired at by a rifle.
Rita’s name was a feast in my mouth
Rita’s body was a wedding in my blood
And I was lost in Rita for two years
And for two years she slept on my arm
And we made promises
Over the most beautiful of cups
And we burned in the wine of our lips
And we were born again
Ah, Rita!

„Ihr solltet euch Jifna anschauen. Es ist ein Dorf umgeben von wunderschöner Natur und empfängt alle Gäste mit offenen Armen. Alle kennen sich dort untereinander und man fühlt sich einfach direkt zu Hause. Aber vermutlich empfinde auch nur ich das so, weil ich als Kind sehr gerne dort war.“ Sobald Zaineh anfängt von ihrer Heimat zu sprechen, verfällt sie in Erzählungen von Knafeh, dem leckersten Nationalgericht Palästinas, von ihren Freunden, ihrer Familie.

Zwar hilft WhatsApp und Skype, um die Entfernung zu den Liebsten ein kleines Stück zu verringern, doch gerade zu Beginn des Studiums war die plötzliche Distanz verbunden mit dem unbekannten Deutschland sehr schwer. „Mittlerweile fühle ich mich aber in Potsdam wohl. Alle sind sehr nett, es ist ruhig und nicht zu groß hier. Genau so europäisch, wie man es sich vorstellt.“ Im Sommer wird sie ihre Mutter das erste Mal besuchen und danach geht es für die restliche vorlesungsfreie Zeit in die Heimat.

What before this rifle could have turned my eyes from yours
Except a nap or two or honey-colored clouds?
Once upon a time
Oh, the silence of dusk
In the morning my moon migrated to a far place
Towards those honey-colored eyes
And the city swept away all the singers
And Rita.
Between Rita and my eyes—
A rifle.

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