Der Ukraine-Krieg und die FHP

Dmytro steht im Campusgarten der FH Potsdam
© Nikolas Ripka

In der Ukraine herrscht Krieg; über 4,6 Mil­lionen Men­schen sind bis Mitte April geflüchtet. Auch in Potsdam werden täglich neue Geflüchtete auf­ge­nommen. Doch was heißt das für unsere Hoch­schule? Sind Stu­die­rende betroffen? Welche Angebote gibt es für Geflüchtete? Wir haben ver­sucht, uns ein Bild zu verschaffen.

Im Beitrag unter­halten wir uns mit einem der ukrai­ni­schen Stu­die­renden der FH, der von seiner Situation berichtet; sprechen mit der Lei­terin des Inter­na­tional Office als erste Anlauf­stelle für Anfragen zum Thema Ukraine, sowie mit einer Hoch­schul­mit­ar­bei­terin, die beschloss, eine geflüchtete Familie bei sich aufzunehmen.


„Niemand weiß, in welche Richtung es jetzt weitergeht“

Ein Gespräch mit Dmytro, der im 6. Semester Infor­ma­tions- und Daten­ma­nagement an der FHP stu­diert. Er hat bereits in der Ukraine einen Bachelor und einen Master in BWL absol­viert und danach einige Jahre dort gearbeitet.

Wie bist du an der FH Potsdam gelandet?

„Ich habe schon ange­fangen Deutsch zu lernen, als ich noch in der Ukraine war. Einfach weil ich etwas Neues wollte in meinem Leben. Danach habe ich einen Job in einer deut­schen Firma gefunden, im Bereich Online-Mar­keting. Der Chef war Deut­scher und hat mich moti­viert, weiter zu stu­dieren. In Berlin hatten Freunde meiner Familie schon lange eine Wohnung und auch sie haben mich moti­viert und gesagt, wir können dich etwas unter­stützen, wenn du in Deutschland stu­dieren willst.

Und des­wegen habe ich ange­fangen, etwas in Berlin oder in der Nähe von Berlin zu suchen, und habe diesen Stu­di­engang gefunden. Nachdem ich einen Sprachkurs an der Uni Potsdam besucht hatte, um das C1-Sprach­niveau zu erreichen, konnte ich hier an der FH anfangen.“

Dmytro sitzt an einem Tisch im Campusgarten der FH Potsdam
© Nikolas Ripka

Wie war es für dich, als vor wenigen Wochen der Ukraine-Krieg begann?

„Das war für alle ein Schock. Die ersten zwei, drei Tage konnte man gar nichts machen, nur Nach­richten lesen, und zur Demo gehen. Ich fühlte mich ohn­mächtig. Jetzt ist es anders, aber damals hatten wir Angst, dass wir innerhalb von ein paar Tagen unser ganzes Land ver­lieren. Niemand weiß, in welche Richtung es jetzt wei­tergeht, aber zumindest kann man noch ein bisschen opti­mis­ti­scher sein als davor.

Ich komme aus dem west­lichen Teil der Ukraine. Dort ist es ruhig, es gab nur wenige Raketen-Angriffe, und einige Gas­speicher wurden zum Teil zer­stört. Ich habe dort eine große Familie; nur mein Bruder wohnt in Polen. Das heißt sie sind mehr oder weniger in Sicherheit. Aber ein junger Cousin ist im Krieg; auch ein paar meiner Freunde, mit denen ich früher in der Ukraine stu­diert habe, kämpfen jetzt.“

Wie geht es dir jetzt? 

„Mir geht es okay. Letzte Woche habe ich von einer Freundin mit­be­kommen, dass ihr Vater wegen des Krieges gestorben ist. Da fehlten mir einfach die Worte. Da die ganze Familie in diesem Kriegs­gebiet war, haben wir dann das ganze Wochenende lang eine Wohnung im Westen gesucht, damit sie aus­reisen oder eva­kuiert werden können. Und in solchen Momenten hast du schon schlimme Gedanken im Kopf. Aber im Ver­gleich zu anderen Leuten geht es mir gut, ich bin ich nicht so stark betroffen vom Krieg. Jetzt ver­suche ich, etwas zu tun, zu helfen. Vor dem Start des Semesters war das noch ein­facher, weil ich mehr Zeit hatte.“

An der Hoch­schule gibt es neben dir noch 13 ukrai­nische Stu­die­rende. Kennt ihr euch?

„Ja, ein paar habe ich neulich bei einem Treffen mit der Prä­si­dentin ken­nen­ge­lernt. Viele kannte ich vorher gar nicht. Wir haben uns im Anschluss auch ver­ab­redet – noch in diesem Monat, zur Mit­tags­pause oder so. Viel­leicht braucht jemand Unter­stützung oder einfach jemanden, mit dem er sprechen kann. Es ist natürlich grausam, dass wir uns unter diesen Umständen ken­nen­lernen; aber jetzt wo wir uns ken­nen­ge­lernt haben, können wir auch davon profitieren.

Ich habe auch mit ein paar Men­schen aus der Ukraine gesprochen, die hier in der Mensa gegessen haben. Wir haben kurz geredet und sie waren sehr froh, dass es dieses Angebot gibt. Für mich ist das sehr schön, dass meine Hoch­schule so etwas organisiert.“

Weißt du, was du nach deinem Abschluss machen möchtest?

„Ich bin mir ehrlich gesagt gar nicht mehr sicher. Am Anfang wollte ich nach dem Studium gleich zurück in die Ukraine gehen. Ich dachte mir damals: ich werde dann ganz gut Deutsch und Eng­lisch können und ein abge­schlos­senes Studium in Deutschland haben. Ich habe mir damit höhere Chancen erhofft, einen guten Job zu finden. Doch nach ein paar Semestern habe ich gedacht: ein Studium ist gut, aber Erfahrung zu sammeln ist auch nicht schlecht. Das habe ich nach einem Prak­ti­kums­se­mester gemerkt. Ich habe mir also vor­ge­nommen, danach noch hier in Berlin zu arbeiten, und mich finan­ziell abzusichern.

Aber jetzt sieht die Rea­lität ganz anders aus. Wenn der Krieg vorbei ist und die Ukraine hof­fentlich viel schneller Richtung Westen geht, Richtung Euro­päische Union, dann ist es viel­leicht auch sinnvoll, zurück­zu­kehren. Denn da wird es einer­seits mehr Mög­lich­keiten geben und ande­rer­seits kann ich beim Aufbau mit­helfen, da wird es im ganzen Land Bedarf geben.“


„Es ist ein großes Engagement da“

Ein Gespräch mit Isa­belle Har­brecht, seit Oktober 2021 Lei­terin des Inter­na­tional Office der FH Potsdam.

Vor wenigen Wochen begann der Krieg. Wie war diese Situation für euch als Team?

„Es ist für uns alle ein Rie­sen­schock. So wirklich damit gerechnet, dass sowas pas­siert, hat keiner. Das ist eine völlig neue Situation für uns.

Doch ganz viele Hoch­schul­mit­glieder sind auf uns zuge­kommen und man merkt, dass es ein großes Bedürfnis gibt, etwas zu tun. Es ist ein großes Enga­gement da, zum Bei­spiel der Fach­be­reich Sozial- und Bil­dungs­wis­sen­schaften hat einiges auf die Beine gestellt: eine Koope­ration mit dem Stau­denhof ange­fangen, wo sie Spenden hin liefern und einen Sprachkurs für die Geflüch­teten ein­ge­richtet, damit sie anfangen können, Deutsch zu lernen.

In der Mensa können Geflüchtete zudem kos­tenlos essen und da gibt es die Initiative, dass Hoch­schul­mit­glieder Spiel­sachen mit­bringen können, die dann mit­ge­nommen werden können. Auch auf fach­licher Ebene ver­netzen sich die Professor:innen in ihren jewei­ligen fach­lichen Netz­werken, wie man die Uni­ver­si­täten in der Ukraine unter­stützen kann.“

Grafik: Kostenloses Essensangebot für Geflüchtete aus der Ukraine. Alle Potsdamer Mensen: 4439 Essen und 6693 Lunchpakete. Davon die Mensa der FH Potsdam: 3141 Essen und 2152 Lunchpakete. Zeitraum: 23.03. bis 20.04.2022. Quelle: Studentenwerk Potsdam
Das kos­tenlose Essens­an­gebot für Geflüchtete aus der Ukraine wurde Ende März 2022 auf Initiative der Stadt Potsdam vom Stu­den­tenwerk Potsdam gestartet. Neben einem kos­ten­losen Mit­tag­essen werden auch Lunch­pakete für die Abend­ver­sorgung ange­boten – auch am Wochenende und an Feiertagen.

Der Corona-Kri­senstab der Hoch­schule wurde vor wenigen Wochen auch zum Ukraine-Kri­senstab. Was wird da wöchentlich besprochen?

„Im Kri­senstab tau­schen wir uns zum einen über die ganzen Neue­rungen aus, denn fast täglich gibt es irgend­welche neuen Rege­lungen, was zum Bei­spiel den recht­lichen Status der Geflüch­teten betrifft. Und zum anderen tau­schen wir uns über ganz kon­krete Anfragen aus, die wir erhalten – wie wir den Per­sonen helfen können, was für Optionen wir haben und wie wir weiter vorgehen.“

Was für Anfragen kommen rein?

„Im Moment kommen die meisten Anfragen von Stu­die­renden, die jetzt in Deutschland sind. Die sind natürlich gerade erst ange­kommen und wissen nicht, wie lange sie hier bleiben werden. Des­wegen ist es unklar, ob sie tat­sächlich einen Abschluss hier anstreben oder erstmal nur als Aus­tausch­stu­die­rende her­kommen wollen. Meistens sind es recht all­ge­meine Anfragen, doch relativ viele Anfragen gehen an den Fach­be­reich Design – das hat sich wohl irgendwie rum­ge­sprochen, dass wir hier Design anbieten.

Anders als die meisten Hoch­schulen haben wir keine Part­ner­uni­ver­si­täten in Russland oder in der Ukraine. Wir waren also nicht in der Situation, dass wir hier Aus­tausch­stu­die­rende hatten oder in den Ländern Stu­die­rende oder Professor:innen hatten, die zurück­kommen mussten. Und wir waren auch nicht in der Situation, dass wir insti­tu­tio­na­li­sierte Pro­gramme mit Part­ner­uni­ver­si­täten in Russland hätten ein­frieren müssen, weil wir einfach keine haben.“

Isabelle Harbrecht steht vor einer Weltkarte in ihrem Büro.
© Nikolas Ripka

An der FH gibt es einige ukrai­nische Stu­die­rende. Seid ihr mit ihnen in Kontakt?

„Ja, wir haben tat­sächlich 14 Stu­die­rende aus der Ukraine, die einen Abschluss anstreben und vor dem Krieg schon hier ein­ge­schrieben waren. Und das ist im Ver­gleich zu den anderen Fach­hoch­schulen in Bran­denburg eine relativ große Gruppe.

Wir sind mit allen in Kontakt und denen geht’s natürlich nicht wirklich gut. Es ist schon eine extrem belas­tende Situation für sie und ich glaube, dass das größte Problem die psy­chische Belastung ist. Es gibt aber auch finan­zi­ellen Druck, weil den Familien in der Ukraine das Ein­kommen weg­bricht. Bis vor kurzem hatten die Familien oft ihre Kinder im Ausland unter­stützt; jetzt ist es eher so, dass die Kinder ihre Familien in der Ukraine unter­stützen möchten. Sie ver­suchen jetzt also, irgendwie noch etwas dazuzuverdienen.“

Gibt es psy­cho­the­ra­peu­tische Angebote für sie?

„An der FH haben wir so ein Angebot nicht, weil wir einfach zu klein sind. Aber am Stu­den­tenwerk Potsdam gibt es das Angebot, dass man ein erstes Gespräch führt.“


„Dann kam Montag der Anruf, dass sie Dienstag kommen“

Ein Gespräch mit einer Hoch­schul­mit­ar­bei­terin, die eine ukrai­nische Familie bei sich auf­ge­nommen hat.

Als vor ein paar Wochen der Krieg begann, hast du plötzlich ent­schieden: Ich nehme jetzt eine Familie auf. Wie kam es dazu?

„Ich bin in der soli­da­ri­schen Land­wirt­schaft bei der Brauerei Grube. Dort hole ich mein Gemüse immer am Zirkus Mon­telino ab und kenne daher den Geschäfts­führer. Da habe ich die Nach­richt bekommen, dass Familien gesucht werden, und habe mich gleich ange­meldet. Es gab dazu eine unglaublich große Resonanz, um die 150 Familien waren es, die jemanden auf­nehmen wollten.

Dann kam Montag der Anruf, dass sie Dienstag kommen. Eine Mutter und ein jugend­licher Sohn. Wir haben dann das Kin­der­zimmer von unserem jüngsten Kind aus­ge­räumt und da wohnen sie jetzt. Wir teilen uns zu sechst ein Bad mit Dusche, was nicht immer so einfach ist, aber es funk­tio­niert. Und ob wir für sechs Leute kochen oder für vier ist eigentlich auch egal. Es macht auch Spaß, und ich finde diesen Aus­tausch zwi­schen den Kul­turen ganz wichtig.“

Wie geht es der Familie?

„Die ersten paar Tage dachte ich: Oje, sie brauchen psy­cho­lo­gische Hilfe, und diese Hilfe kann ich gar nicht geben. Es war ja eine lebens­be­droh­liche Situation, aus der sie geflüchtet sind. Die Mutter sagte, sie ist vier Tage mit dem Auto aus der Ukraine geflüchtet. Sie hatten  nur zweimal Zeit, um zwi­schen­durch was zu essen. Und das ist wirklich so eine Situation, wo ich denke, was sind das eigentlich für kleine Pro­bleme, die man selbst im Alltag hat?

Inzwi­schen geht es ihnen besser und sie fühlen sich wohler. Sie haben einen sozialen Anschluss an den Zirkus: der Junge kann dort trai­nieren und seine Mutter kann sich mit den anderen ukrai­ni­schen Müttern treffen. Sie können dort auch an einem Deutsch-Unter­richt teil­nehmen, und an der FH können sie kos­tenlos essen. Das ist schon gut, und ich glaube da sind sie auch alle dankbar.

Ich habe mich auch schon darauf vor­be­reitet, dass es etwas mittel- bis lang­fris­tiges sein wird. Meine Kinder wollen sogar, dass sie bleiben, weil sie es so schön finden. Sie sind total happy, dass Leben in der Bude ist.“

Aktuelle Infor­ma­tionen und Unter­stüt­zungs­mög­lich­keiten werden auf der FHP-Seite #Soli­da­ri­ty­Wi­t­hU­kraine zusam­men­ge­fasst. Zen­trale Kon­takt­stelle für sämt­liche Anfragen, Belange und Ideen ist das Inter­na­tional Office:

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