Die FH-Sterne im Gespräch: Ästhetik ist kein sinnvolles Kriterium

Komposition der Sternenelemente des ehemaligen FH-Gebäudes.
© Christian Sindram

Die alte Fach­hoch­schule am Alten Markt steht nicht mehr. Im Zentrum Potsdams klafft ein großes Loch. Übrig geblieben sind die „Sterne“, Fas­sa­den­element des Gebäudes. Über ein Jahr nach dem Abriss des Gebäudes treffe ich Henryk, Stu­die­render der Metall­re­stau­rierung. Gemeinsam betreten wir das Werk­statt­ge­bäude auf dem Campus Kie­pen­heu­er­allee, im Norden der Stadt, dem mitt­ler­weile ein­zigen Standort der FHP. Hier begegnen wir auch den „FH-Sternen“, im fol­genden „die Sterne“ genannt.

„Es gab keinen Plan, keine große Antwort auf die Frage: Wohin damit?“

„Sie sind direkt nach der Sicherung von der Fassade zu uns gekommen“, erzählt uns Henryk auf dem Weg durch die Metall­werk­statt, vorbei an his­to­ri­schen Arte­fakten, Statuen und Metall­schrott. „Wir waren bei der Demontage anwesend und haben auch den Transport begleitet. Sie wurden von einer Firma in großen Stücken abge­nommen. Anschließend lösten Stu­die­rende der Metall­re­stau­rierung die Schraub­ver­bin­dungen und zer­legten die Stücke in ein­zelne Seg­mente, bestehend aus je 4 Sternen. Einige der Sterne wurden in die FH trans­por­tiert und werden seitdem dort gelagert, andere wurden ver­kauft oder ver­teilt. Es gab keinen Plan, keine große Antwort auf die Frage Wohin damit?“

Henryk war Teil einer Pro­jekt­gruppe von Stu­die­renden, die sich mit den „Sternen“ befasst hat. „Unser Anliegen war die Bestands­auf­nahme der Sterne, bezüglich Material, Montage und Geschichte. Zusätzlich sollten wir ein theo­re­ti­sches Konzept der Demontage erstellen.“

Das Gebäude am Alten Markt hatte schon Geschichte als Bil­dungs­ein­richtung, bevor die Fach­hoch­schule den Standort bezog. Es beher­bergte das Institut für Leh­rer­bildung (kurz: IfL), dort wurden Leh­re­rinnen für die Unter­stufe aus­ge­bildet. Die Fas­sa­den­sterne sollten das Gebäude deko­rieren, den ansonsten eher indus­tri­ellen Charme des Gebäudes etwas aus­gleichen. Der Architekt Wolfgang Kärger kre­ierte dazu den Entwurf. Zunächst in Form eines Miniatur-Modells aus Papier.

„Es ent­stand dann eine aus 120 ein­zelnen Sternen bestehende Fas­sa­den­ver­kleidung, in 6‑facher Aus­führung, welche an der Ost- und West­fassade zwi­schen den Fenstern zu sehen war.“, sagt Henryk während er sich durch einen Ordner klickt, den die Stu­die­renden im Rahmen ihres For­schungs­pro­jektes zu den Sternen angelegt haben. „Eine Son­der­an­fer­tigung zur gestal­te­ri­schen Akzen­tu­ierung, die von der VEB-Baunorm der DDR abwich.“.

Abmontierte Sternenelemente liegen auf dem Boden, andere sind an der Wand angelehnt im abgeschlossenen Außenbereich des ehemaligen FH-Gebäudes.
Die Sterne kurz nach ihrer Abnahme – „Wir waren am Boden zer­stört“ sagen sie heute. © Christian Sindram

„Man hätte sich wahr­scheinlich nie vor­stellen können, welche Bedeutung die Sterne Jahre später einmal tragen würden.“

In dem Zeitraum, in dem die Stu­die­renden ihr Projekt durch­führten, standen die alte Fach­hoch­schule und die „Sterne“ schon eine Weile in der Pots­damer Öffent­lichkeit. Es hatte sich ein Bündnis gebildet, welches das Gebäude erhalten wollte. Eine gute Gele­genheit für ange­hende Restau­ra­to­rinnen, mit stadt­po­li­ti­schen Dis­kursen in Kontakt zu kommen, besonders wenn diese Dis­kurse Objekte berühren, die auch die Restau­rierung prak­tisch beschäftigen.

„Über kul­tu­rellen Wert zu ent­scheiden“, sagt Henryk, „obliegt nor­ma­ler­weise der Denk­mal­pflege und nicht dem Restau­rator.“ Denk­mal­pfleger und Restau­ra­teure müssen in diesem Fall dringend mehr Haltung zeigen in Sachen Stadt­ent­wicklung. Die Ent­scheidung, was restau­riert wird und was nicht, sollte nicht vom Kapital bestimmt werden. Welche Kul­tur­güter erhalten werden, ist unab­hängig vom Zeit­geist zu beant­worten. Wie können wir geschicht­liche Zeug­nisse als Ori­ginale sichern und bewahren, aber dennoch im öffent­lichen Raum belassen?

Im Rahmen der Kunst­aktion „Sterne sehen“ sind die FH-Sterne im Pots­damer Stadtbild wieder sichtbar geworden, an Fas­saden von Häusern und Pro­jekten. Als Druck wurden sie zum Motiv für Beutel, T‑Shirts und Plakate. Ihre Trä­ge­rinnen wollen Haltung beziehen. Die Themen, die mit diesem Motiv asso­ziiert werden können, sind viel­fältig: Gen­tri­fi­zierung, Pri­va­ti­sierung, Stadt­po­litik, Wohnraum, Öffent­lichkeit, Basis­de­mo­kratie, Utopien, Kunst und Kultur. „Man hätte sich wahr­scheinlich nie vor­stellen können“, sagt Henryk, „welche Bedeutung die Sterne Jahre später einmal tragen würden.“

Ästhetik ist kein sinn­volles Kriterium

Die Begriffe Restau­rierung und Restau­ration beschreiben nicht das­selbe, in Bezug auf die Pots­damer Stadt­planung ver­schwimmen die Bedeu­tungen der beiden aber zunehmend im Dunst der Rekon­struktion einer his­to­ri­schen Innen­stadt. Was dabei über­sehen wird: die Gegenwart ist in Zukunft his­to­risch. „Je jünger die Zeit, aus der die Objekte stammen“, bestätigt Henryk, „desto schwie­riger ist es, die Öffent­lichkeit von deren Relevanz zu über­zeugen. Zusätzlich spielt auch eine gewisse Ästhetik, vor allem bei Gebäuden, eine große Rolle für die all­ge­meine Akzeptanz. Diese Sicht­weise ist aber immer durch die Zeit geprägt und daher kein sinn­volles Kriterium.“

Blick ins Grüne aus dem ehemaligen FH-Gebäude. Ein Teil der Sternenelemente ist zu sehen.
© Christian Sindram

Immer wieder geht es in Potsdam um den Erhalt von his­to­ri­schen Bau- oder Kunst­werken. Viele der preu­ßi­schen Bau­denk­mäler sind schon restau­riert worden oder werden es bald – ermög­licht durch öffent­liche Gelder, aber auch durch Spenden pri­vater För­derer an die Stiftung Preu­ßische Schlösser und Gärten Berlin-Bran­denburg (SPSG). Restau­riert wurden u.A.: die Nep­tungrotte, Teile des Oran­ge­rie­schlosses und des Neuen Palais im Park Sans­souci, das Mar­mor­palais und das Schloss Ceci­li­enhof im Neuen Garten.

„Es geht bei der Restau­rierung um den Erhalt von Kulturgut.“

Dagegen sind die Dis­kus­sionen um Gebäude, die der Nach­kriegs­mo­derne zuge­ordnet werden, stärker geprägt durch Unei­nigkeit über den kul­tu­rellen und ästhe­ti­schen Wert eben jener Objekte. Es fehlt an Bewusstsein, für die schöp­fe­ri­schen Kunst­stücke dieser Epoche. Abge­rissen wurden u.A.: das Haus des Reisens an der Friedrich-Ebert-Str./Ecke Yorck­straße, die alte Fach­hoch­schule und bei der alten Schwimm­halle am Brau­hausberg hat der Abriss vor Kurzem begonnen.

Aller­dings gilt: Wo ein Mäzen ist, ist häufig auch ein Weg in Richtung Restau­rierung. Auf die Frage nach der Finan­zierung solcher Vor­haben lautet die Antwort im Falle des ehe­ma­ligen Restau­rants „Minsk“: die Hasso-Plattner-Stiftung. Dort soll in Zukunft Kunst aus­ge­stellt werden, die in der DDR ent­standen ist. Monate zuvor wurde auch hier über einen Abriss diskutiert.

Fassade vom ehemaligen Gebäude der FH Potsdam, es sind Sternelemente zu sehen, von denen ein kleiner Teil bereits abgenommen wurde.
© Christian Sindram

„Eigentlich gibt es keine Zweifel bezüglich des kul­tu­rellen Werts von Objekten und Bau­werken aus DDR-Zeiten innerhalb der Restau­rierung.“, sagt Henryk. „Man schätzt als Restau­rator die Aus­sa­ge­kraft der Ori­gi­nal­sub­stanz.“ Diese Kunst- und Bau­werke sind ein Zeugnis der Geschichte. Und es ist wichtig her­aus­zu­stellen, dass preu­ßische Werke nicht nur mate­riell eine andere Geschichte erzählen, als Werke der soge­nannten „DDR-Moderne“.

Ein Porträt Fried­richs des II. hat auch ideell wenig gemeinsam mit einem Mosaik von Fritz Eisel. Und so bleibt fest­zu­halten, dass alle preu­ßi­schen Schlösser, sind sie auch restau­riert und kon­ser­viert, trotzdem nicht den his­to­ri­schen Wert eines (auch vom Abriss bedrohten) Pots­damer Rechen­zen­trums ersetzen können. Die rekon­stru­ierten Gebäude und Fas­saden, wie Stadt­schloss oder Bar­berini, sowieso nicht. Der Wunsch nach Erhalt von Gebäuden, die zwi­schen 1945 und 1989 gebaut worden sind, erschöpft sich nicht in dem Wort „Ost­algie“. Es geht auch nicht darum, ob jedem ein­zelnen die Archi­tektur der DDR per­sönlich gefällt oder nicht gefällt.

„In erster Linie“, sagt Henryk, „geht es um die Sicherung und Kon­ser­vierung von Infor­ma­tionen, welche danach von anderen wis­sen­schaft­lichen Zweigen wei­ter­ver­ar­beitet und ver­wendet werden können.” So der Restau­rator. Der Kul­tur­ar­bei­terin, die diesen Artikel schreibt, geht es vor allem um öffent­lichen Raum für eman­zi­pa­to­rische Pro­jekte und um Kunst, die über die Ver­hält­nisse hinausweist.

Am 16. Juli 2017, im Rahmen des Pro­test­camps für den Erhalt des alten FH-Gebäudes am Alten Markt, strichen zwei Men­schen einen Teil der Fassade im Ori­ginal-Farbton – ein selbst­or­ga­ni­sierter Akt der Restau­rierung. Die FH-Leitung reagierte zunächst mit einer Straf­an­zeige, die später zurück­ge­zogen wurde.

So poli­tisch kann Restau­rierung sein.

(Henryk konnte mir noch nichts darüber sagen, wann die ein­ge­la­gerten Sterne wieder öffentlich sichtbar sein werden. Seines Wissens nach, gibt es bisher keine kon­kreten Pläne.) Hinweis: Der Artikel wurde bereits im August 2019 ein­ge­sandt. Es kann sein, dass es mitt­ler­weile Neu­ig­keiten gibt, was den Ver­bleib der FH-Sterne angeht.

Über das Projekt

Dieser Beitrag ist im Kurs „Presse- und Öffent­lich­keits­arbeit in der Restau­rierung“ ent­standen, eine Koope­ration zwi­schen den Stu­di­en­gängen Kul­tur­arbeit und Kon­ser­vierung & Restau­rierung unter der Leitung von Prof. Dr. Julia Glesner und Prof. Dr. Angelika Rauch im Som­mer­se­mester 2019.

Mitwirkende

Fran­ziska Otto

1 Kommentar

  1. Es gibt Vor­stel­lungen, die Sterne wieder Am Alten Markt an/in den neuen Gebäuden zu ver­orten. Die Pots­damer Woh­nungs­ge­nos­sen­schaften haben bei der Neu­ge­staltung diese Mög­lichkeit berück­sichtigt. Wenn der Wille da ist, kann mit der Umset­zungs­planung begonnen werden.

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