Die Neue

Eva Schmitt-Rodermund

Im Juni 2018 wählte der Senat Eva Schmitt-Rodermund zur neuen Präsidentin. Wer ist diese Person im Machtzentrum der FHP und was hat sie vor? Um das herauszufinden, machen wir uns an einem warmen Julitag auf den Weg nach Jena und reden mit ihr über Themen wie Regelstudienzeit, moderne Hochschulen und gesellschaftliche Verantwortung.

Ein Tag mit Semikolon im Paradies

Es ist ein sehr warmer Tag. Am Bahnhof steht gewohnt nüchtern mit weißer Schrift auf dunkelblauem Untergrund doch tatsächlich „Jena Paradies“. Wie es sich für paradiesische Verhältnisse gehört, ist es nur ein kurzer Fußweg durch enge, verwinkelte Gassen bis hin zum Hauptgebäude der Universität Jena. Die Gebäude der Universität strahlen genau das aus, was wohl nur alte Gemäuer und jahrhundertealte Denkfabriken gemeinsam können; irgendwo gefangen zwischen Erhabenheit, Kitsch und der Frage, ob da noch alles zeitgemäß zugeht.

Im Eingangsbereich begrüßt uns eine schicke Vitrine mit weniger schickem Merchandising und spätestens auf der Toilette geht der erste Eindruck dann richtig in die Hose, als wir miese rechte Schmierereien entdecken. Daraufhin stimmt uns der Innenhof fast schon versöhnlich als niedliche Hogwarts-Version. Als wir die vielen Treppenstufen hinauf zum Büro von Frau Schmitt-Rodermund nehmen, liegt schon wieder jene altehrwürdige und zugleich angestaubte Atmosphäre in der Luft.

Fassade der Uni Jena
Hauptgebäude der Uni Jena. © Nikolas Ripka

Ganz anders erscheint uns dann das Büro unserer Interviewpartnerin selbst: gemütlich, ordentlich und eine Spur lebendiger als die bisherigen Räume – und dazu noch der Blick über die Dächer Jenas. Frau Schmitt-Rodermund verlässt ihren Schreibtisch und durchquert den Raum barfüßig. Nachdem wir Platz genommen haben und eine Kanne Tee bei der Sekretärin bestellt ist, kann es losgehen. Uns gegenüber sitzt eine sehr angenehm aufgeschlossene und frei heraus sprechende Eva Schmitt-Rodermund – ohne jedoch dabei Gefahr zu laufen, sich jemals zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Mit welcher Motivation haben Sie angefangen zu studieren?

Eva Schmitt-Rodermund: Gleich nach der Schule habe ich ein soziales Jahr gemacht und wusste schon, dass ich mich für Psychologie oder Medizin interessiere – das waren die beiden Themen, die ich gut fand. Ich hatte mich aber noch nicht entschieden, was von beidem ich machen wollte und bin in eine Einrichtung gegangen, wo ich beides sehen konnte. Das war eine Klinik für Alkoholiker und Tablettenabhängige, und da habe ich ein Jahr lang gearbeitet; währenddessen hatte ich natürlich die Ärzte einerseits und die Therapeuten andererseits vor Augen.

Insofern bin ich da rausgekommen mit der Idee: ich möchte gerne Therapeutin werden. Ich habe dann auch unter dieser Überschrift mein Studium gemacht. Relativ frühzeitig im Studium habe ich aber Leute aus der Entwicklungspsychologie kennengelernt – da geht es um die Veränderung des Menschen von der Wiege bis zum Lebensende. Und das fand ich faszinierend. Begeistert hat mich zum Beispiel die Erkenntnis, dass die Leute irgendwie dieselben bleiben, egal wie alt sie sind. Und dass es aber auch Leute gibt, die sozusagen besser durchs Leben kommen als andere.

Ich habe mich dann gefragt: woran liegt es, dass manche hinfallen, wieder aufstehen, weitergehen, und es die nicht weiter kümmert? Ein anderer fällt hin und sagt sich: »es hat doch eh keinen Sinn«. Das waren die Themen, die ich interessant fand. Ich fand auch die Idee interessant, dass man bei psychischen Erkrankungen wusste, dass in der Biochemie im Kopf Sachen nicht stimmen. Also dass sich die Leute nicht einfach schlecht fühlen oder so, sondern, dass da auch physisch messbar Prozesse anders ablaufen als bei gesunden Leuten. Und das fand ich alles ziemlich spannend; das waren Themen, die mich einfach umgetrieben haben.

So bin ich in die Entwicklungspsychologie reingekommen, habe angefangen als studentische Hilfskraft zu arbeiten und habe aber immer noch gedacht: ja, ich mache was Klinisches. Das war eine ganz lange Zeit noch so parallel. Und ich habe dann auch noch während des Studiums eine gesprächstherapeutische Ausbildung angefangen und abgeschlossen. Irgendwann habe ich mich entschieden, dass ich die akademische Seite der Entwicklungspsychologie weiter mache, und das war dann der Moment, wo ich gesagt habe: ich will promovieren und ich will das jetzt hier machen.

Haben Sie sich mal in der studentischen Selbstverwaltung engagiert?

Nein, das hat sich nie ergeben, aber das war mehr oder weniger Zufall. Ich war nah dran, relativ. Bei manchen Aktionen vor allem des Fachschaftsrats habe ich mitgemacht, zum Beispiel haben wir für die jüngeren Studis Klausuren gerechnet oder mal so ein großes Tier aus der Psychologie eingeladen, der aber mächtig umstritten war, und eine Podiumsdiskussion organisiert. Darüber hinaus ging es aber nicht.

Und zwar gab es in Gießen einen AStA mit ein paar super linken Gruppen, und ich fand das spannend, was da gemacht wurde. Mich haben die Leute zum Teil aber so ein bisschen abgeturnt. Ich war schon interessiert, ich war auch damals deutlich auf einem linken Zweig unterwegs, also ich fühlte mich schon hingezogen zu den Leuten, aber dass ich da mitgemacht hätte – das passte irgendwie nicht und die Zeit gab es auch nicht her, weil ich mein Studium inhaltlich zu spannend fand.

Womit beschäftigen Sie sich heute in der Lehre?

Ich habe eine ganze Zeit lang über Migration und Akkulturation gearbeitet, das war das Thema von meiner Dissertation und das habe ich bestimmt zehn Jahre gemacht. Dann bin ich umgeschwenkt, habe jemanden aus den USA kennengelernt, der mich sehr geprägt hat. Er beschäftigte sich mit Career Development, also wie eigentlich jemand zu dem Beruf kommt, den er hat. Auch aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive heraus. Dann habe ich angefangen mich insbesondere mit Unternehmensgründung zu befassen und habe mich auch gefragt, ob ich möglicherweise schon vorhersagen könnte, wenn jemand zum Beispiel zwölf Jahre alt ist, ob er oder sie vielleicht später ein Unternehmen gründen wird. Ob die Person das könnte. Und das klappt. Das kann man ganz gut machen.

Und wie soll das funktionieren? Spielt denn der Kontext keine Rolle?

Sie haben bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die bei erfolgreichen Gründern eben in besonderer Weise ausgeprägt sind. Und jemand, der so ist, der gründet dann auch. Aber freilich spielt der Kontext zusätzlich eine Rolle, wenn ich in einem anregungsreichen Umfeld aufwachse, wo ich all diese Sachen auch anwenden kann, dann mache ich mich vielleicht selbstständig und der andere macht es halt nicht.

Und welche Rolle spielt die Bildung?

In meiner Forschung spielt die Bildung dabei gar keine wahnsinnig große Rolle. Was für ein Unternehmen ich gründe hat natürlich am Ende was mit meinen Erfahrungen zu tun. Der eine gründet vielleicht eine Pommesbude und der andere gründet ein Unternehmen mit ein paar Tausend Mitarbeitern und macht was ganz anderes, jeweils vor dem Hintergrund der Bildung. Freilich unterscheiden sich diese Leute schon irgendwie, aber sie haben auch Gemeinsamkeiten, dadurch, dass sie eben unternehmerische Eigenschaften haben. Und das fand ich auch spannend.

Ansonsten gingen meine Seminare in letzter Zeit über Themen, die irgendwas mit Arbeit zu tun haben, zum Beispiel wie man eigentlich zu einer beruflichen Entscheidung kommt, wie sowas funktioniert. Ob kleine Kinder irgendwelche Illusionen haben, was Berufe anbetrifft, also ob sie Prinzessin und Astronaut werden wollen oder ob es bei denen eigentlich schon relativ realistisch ist. Ich habe mich damit befasst, ob mütterliche Erwerbstätigkeit schädlich für die Kinder ist (ist sie nicht). Mich interessiert auch Work-Life-Balance – wie kriegt man das hin, wann läuft das aus dem Ruder? Was können Vorgesetzte machen, dass es gut funktioniert bei ihren Mitarbeitern? Das sind so die Themen, die wir im Seminar bearbeiten.

Wie sieht es bei Ihnen mit der Work-Life-Balance aus?

Schön ist, und das ist eine Besonderheit von diesem Hochschulkontext, dass man an Hochschulen immer die Möglichkeit hat, auch relativ frei zu leben. Soll heißen, wenn ich mal einen schlechten Tag habe, dann mache ich auch mal zwei Stunden was anderes. Oder ich gehe in die Stadt und kaufe mir was. Oder ich rede mit jemandem beim Kaffee und setze mich hin und dann habe ich halt die Zeit. Weil ich merke, am Schreibtisch will ich sowieso nicht sitzen. Hochschule leistet und bietet das, dass man – wie bei euch – eine Runde Tischtennis spielen gehen kann oder so. Und Firmen kommen so langsam auf den Trichter, dass man vielleicht solche Freiheiten zulassen sollte, aber an vielen Orten gibt es die trotzdem noch nicht.

Ausblick vom Büro.
Ausbilck aus dem Büro von Frau Schmitt-Rodermund. © Nikolas Ripka

Freiheiten und Freiraum sind gerade durch die Bologna-Reform und die tendenzielle Verschulung von Studiengängen ein größer werdendes studentisches Anliegen. Für wie wichtig erachten Sie Freiraum für Studierende und was halten Sie von der Regelstudienzeit?

Das ist ein ganz schwieriges Thema, weil wir als Hochschule natürlich dazu gezwungen sind, durch diese Mittelvergabe in Zusammenhang mit dem Hochschulpakt alleine, zu sagen: wir brauchen Studierende, die im ersten Hochschulsemester kommen und wir müssen die irgendwie in der Regelstudienzeit durch das Studium durchschieben, weil es bei vielen Leistungsvereinbarungen oder Hochschulverträgen um die Zahl der Absolventen geht, die schlicht und ergreifend in der Regelstudienzeit fertig werden. Da hängen an vielen Hochschulen wirklich Euros dran.

Insofern, aus einer Hochschulmanagementperspektive heraus, muss mein Interesse sein, ich schicke sie jetzt alle zickezacke durch das Studium durch und hinterher gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen, weil jede und jeder dasselbe gemacht hat und irgendwie nicht links und nicht rechts geguckt hat. Als Entwicklungspsychologin und als Person, die sich mit Arbeit beschäftigt, kann das mein Interesse überhaupt nicht sein, weil ich wiederum weiß, dass die Besonderheit, also sprich, was sie noch nebenbei gemacht haben, sie passfähig macht für Unternehmen.

Auch als Arbeitgeber, dann will ich nicht jemanden, der in blitzartiger Geschwindigkeit das Studium gemacht hat und sonst nichts gesehen hat. Die stromlinienförmigen Leute, die sind schwierig mit ihrer Passfähigkeit. Das ist das eine. Aber das andere ist natürlich: 30 Semester, das sehe ich auch kritisch. Das ist eine Lebensstilentscheidung, die mit einem richtigen Studium auch nichts mehr zu tun hat.

Als Entwicklungspsychologin und als Managerin stehen Sie in einem Spannungsfeld. Wie sehen Sie das für die Fachhochschule Potsdam?

Das ist ein Zielkonflikt. Es darf nicht zu eng werden, insofern als dass ich gerne möchte, dass Studierende die Chance haben, rechts und links zu gucken, andere Lehrveranstaltungen zu belegen oder zu arbeiten. Die Studierenden sollen ja auch – müssen ja auch – Geld verdienen, vielfach. Und genau das macht sie zu den Menschen, die sie dann später sind, wenn sie frei schwimmen müssen.

Ich habe als Schülerin im Supermarkt gearbeitet und habe da Regale eingeräumt. Nicht, dass das jetzt so hochgradig spannend und anregungsreich gewesen wäre, aber ich würde mal behaupten, dass mich das total geprägt hat. Und dass ich bis heute in meinem Umgang mit Lagerist*innen, Kassensteher*innen, Hausmeister*innen oder Taxifahrer*innen einfach anders drauf bin als viele andere Leute, weil ich erlebt habe, wie unmöglich das ist, wenn man von Kunden abgebürstet wird. Und wie ein Stück sonst was behandelt wird. Ich habe mir hinter die Ohren geschrieben, dass ich nicht selber so sein will. Das hat mich geprägt, diese Art von Arbeit zu machen.

Und ich würde den Studierenden allen wünschen, dass sie die Chance haben, sich ein Stück auszuprobieren und eben selber auch Sachen zu machen, die sie zu den Personen machen, die sie später sind. Und dafür braucht man halt Zeit. Nicht unendlich viel Zeit, aber Zeit. Insofern wäre für mich die ideale Lösung, es würde zu der Regelstudienzeit eine Pufferphase geben, wo man irgendwie alles veranstalten kann und sich keiner drum kümmert und es auch der Hochschule nicht auf die Füße fällt.

Aber was ich auch nicht richtig finde ist, wenn Leute sagen, ich studiere 26, 35 Semester, weil wir sie immer noch verwalten müssen an den Hochschulen, und vor allem den Platz vorhalten. Die nehmen letztlich Leuten die Chance weg, die vielleicht gerne ein Studium gemacht hätten. Und das gefällt mir auch nicht.

Und wie können Sie sich als Hochschule diese Pufferphase leisten? Die Grundfinanzierung reicht nicht mal aus, um alle Ausgaben zu decken; vieles wird z.B. durch Hochschulverträge und Drittmittelprojekte finanziert.

Sie haben völlig Recht, man muss sich mit den Realitäten auch ein Stück weit auseinandersetzen. Und die Realitäten sind, dass da draußen ein Ministerium ist und ein Landtag mit Politikern – mit Menschen, die gewählt worden sind, die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler vertreten, die vielleicht sowieso nicht einsehen möchten, warum sie für das Studium von irgendwem anders zahlen sollen. Insofern verstehe ich schon, dass von da ein Druck entfaltet wird, dass Leute das, was sie da bekommen, kostenfrei bekommen, dass sie das auch verantwortlich wahrnehmen und zügig machen. Das ist ja irgendwie wie ein Geschenk. Insofern kann ich das schon begreifen, wenn da so ein Ministerium oder ein Landtag oder ein Politiker ein bisschen Druck entfaltet.

Andererseits weiß ich aber auch, was ich vorher gesagt habe, dass es schön ist, dass es da noch gewisse Freiheiten gibt, um sich Sachen anzuschauen, um Sachen zu lernen. Ich denke, man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Ich würde ungerne Absolventen zählen müssen, die exakt in Regelstudienzeit fertig geworden sind. Mein Wunschtraum wäre, wir könnten da immer noch zwei, drei Semester draufspielen, das fände ich ziemlich gut. Weil das den allermeisten Leuten gut passen würde. Ob das je so wird und ob man da zu solchen Zielen kommen kann, weiß ich nicht.

Für viele Studierende ist das Arbeiten neben dem Studium keine „Chance“ sondern eine Notwendigkeit. Wie können diese unterstützt werden?

Ich denke, die Verantwortung der Hochschule ist es, gute Teilzeitmöglichkeiten zu bieten. Dass ich die Möglichkeit habe, mein Studium langsamer zu machen, dass ich eben genau nicht in diese Falle tappe, Sachen in einem bestimmten Tempo durchziehen zu müssen und dann Prüfungen nicht bestehe oder so. Also sprich: wenn ich längere Fristen habe, wenn ich länger brauchen darf für Sachen, dann kann ich ja in Ruhe arbeiten. Das finde ich total wichtig, dass man da auch Chancen schafft.

Was mir überhaupt nicht gefällt ist, dass bis heute in den BAföG-Regelungen diese Möglichkeit nicht da ist. Das finde ich ganz schlecht, ich hätte das gerne besser. Es ist bis heute so, wer ins Teilzeitstudium geht, kriegt kein BAföG mehr. Und das ist der Grund, warum die Leute gezwungenermaßen im Vollzeitstudium bleiben, weil sie eben sagen: »da fliegt mir meine ganze Finanzierung um die Ohren, und muss dann noch mehr arbeiten« – und das kann es irgendwie auch nicht sein.

Im Bericht 2017/18 des Projekts „Hochschulbildungsreport 2020“ werden die Unterschiede der Bildungschancen je nach sozialer Herkunft deutlich, während z.B. von 100 Akademiker*innenkinder rund 10 den Doktortitel erwerben, sind es Nichtakademiker*innenkinder im Schnitt nur eine*r von 100. Gerade finanzielle Unsicherheiten und Engpässe werden als Bedrohung für den Studienerfolg genannt. Wie sehen Sie in diesem Kontext die Position der Hochschule?

Die Hochschule kann nicht selber Programme zur materiellen Unterstützung von Studierenden auflegen, dafür hat sie kein Geld. Vielleicht ist es auch nicht ihre Angelegenheit. Sie sollte allerdings unbedingt dafür sorgen, dass dieses Teilzeitstudium stimmt, dass es gut funktioniert. Sie sollte die Rahmenbedingungen schaffen, damit Leute, egal wie sie ins Studium gekommen sind, egal was sie für einen sozialen Hintergrund haben, gut studieren können, damit das für die auch funktioniert. Das muss die Hochschule machen und dafür braucht es zum Beispiel gute Beratungsangebote. Aber die Finanzierungsthematik kommt aus einer anderen Ecke, da denke ich zum Beispiel an die Bemessungsgrenzen fürs BAföG. Und da müssen Hochschulen drängen, dass sich da was tut.

Wenn Sie eine Vision entwickeln könnten von einer modernen Hochschule, was müsste unbedingt dabei sein und was wünschen Sie sich dabei?

Sie werden das jetzt wahrscheinlich total schrecklich finden, wenn ich das jetzt so sage (lacht): eine moderne Hochschule ist für mich eine Hochschule, wo es Klarheit gibt über die Aufbauorganisation, soll heißen, darüber, wer wem was zu sagen hat und wer wem unterstellt ist und wie die Hierarchien aussehen. Das ist die eine Hälfte. Die andere Hälfte ist, dass auch die Ablauforganisation klar sein muss, also wie die Prozesse aussehen. Wenn Sie das glatt haben, dann können Sie gut arbeiten, weil man sich dann nicht jeden Tag streiten muss. Das ist für mich moderne Hochschule, also dass man ein Hochschul- und Wissenschaftsmanagement hinkriegt ohne sich mörderisch abzuarbeiten.

Eva Schmitt-Rodermund
Eva Schmitt-Rodermund. © Nikolas Ripka

Wenn dies der innere Ablauf ist, wie wäre die Außenperspektive einer modernen Hochschule?

Da sehe ich moderne Hochschule als eine Hochschule, die ihren Studierenden die Dinge mitgibt, die sie brauchen, wenn sie gut in der Welt bestehen wollen. Das ist heute nicht mehr, dass man bestimmte Sachen lernt und dann wie so ein fertiges Backstück aus der Form fällt, sondern sie müssen Transfer schaffen zum Beispiel. Studierende können gar nicht mehr alles lernen, was sie lernen müssten, wenn sie für jede Situation gut gerüstet sein wollen, weil es einfach viel zu viel zu Wissen gibt. Sie müssen also Transfer schaffen, sie müssen Problemlösefähigkeiten entwickeln, sie müssen interdisziplinär denken können, sie brauchen Fremdsprachenkenntnisse.

Internationalisierung der Hochschulen ist hier das Thema, was von außen herangetragen wird, aber was für Sie als Studierende total wichtig ist. Sie brauchen eine Passfähigkeit zu internationalen Themen und zu internationalen Institutionen und Leuten. Weil Sie global unterwegs sein werden und sollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie das auch mal sein müssen, ist ganz hoch. Dazu brauchen Sie ein Rüstzeug. Viele wissenschaftliche Veröffentlichungen sind auf Englisch und wenn man auf internationalen Konferenzen ist, sprechen alle diese eine Sprache!

Deswegen finde ich es zum Beispiel unheimlich wichtig, dass Studierende auch in Englisch so beweglich sind, dass sie die Möglichkeit haben, ihre Gedanken gut auszudrücken. Ich würde auch immer unterstützen, dass es englischsprachige Lehre gibt. Ich weiß auch, dass nicht alle Kolleginnen und Kollegen das toll finden und dass die ältere Generation es da auch schwer hat.

Zusätzlich braucht es auch Sprachkenntnisse im digitalen Sinne, also dass Sie in der Lage sind, sich in der digitalen Welt zurecht zu finden. Die gibt es, in der sind wir alle unterwegs und das halte ich für eine ganz wichtige Anforderung.

Wir müssen diese ganzen Perspektiven zusammenbringen und wenn wir eine Hochschule der Zukunft erdenken, dann müssen alle diese Perspektiven eine Rolle spielen. Dafür sind unsere Studiengänge zum Teil noch nicht richtig gut angelegt. Die sind noch zu segregiert oder zu schmal. Das ist das, was ich mir unter einer modernen Hochschule vorstelle, wie sie nach außen wirken kann. Dass wir in der Lage sind, auf die Welt zu reagieren und für die Welt gut zu sein.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Hochschule und Gesellschaft?

Die Hochschule hat eine Verantwortung für die Gesellschaft und ich würde mir wünschen, dass wir in Potsdam dieser Verantwortung ein Stück gerecht werden. Wenn ich zum Beispiel an die 17 Sustainable Development Goals von der UNO denke und daran denke, dass da auch ein Goal für Sustainable Urban Development gibt, dann ist das ein Thema, wo ich mir eigentlich vorstelle, dass wir aus der Sicht FH Potsdam, wir – ich mit der FH Potsdam und die FH Potsdam mit mir – gemeinsam zum Thema entwickeln und damit auch der Gesellschaft und der Welt was geben können. Wer soll das denn sonst machen außer den Hochschulen?

Sie sprechen von den Sustainable Development Goals der UN und das 10. Ziel lautet: „Reducing Inequalities (within and among countries)“. Gerade dazu gibt es gerade bei uns an der FH;P eine regen Diskurs, unter anderem auch, ob es eine Antidiskriminierungskommission an der Hochschule braucht. Wie sehen Sie das, warum ist das so ein wichtiger Punkt?

Das ist ein selbstverständlicher Punkt. Es ist blöd, dass es überhaupt Thema sein muss. Wenn wir da ein bisschen besser wären, dann müssten wir uns damit vielleicht gar nicht befassen. Das ist ein Punkt, wo ich denke, der ist ja eigentlich wie saubere Klos. Das möchte jeder und jede gerne so haben. Es kann nicht sein, dass jemand Sachen nicht tun kann, welche er oder sie aber gerne tun wollte.

Ich wünsche mir, dass jeder und jede Sachen machen kann, die er oder sie machen möchte. Ich will dazu beitragen, dass es möglich ist. Das ist ein wichtiges Ziel, aber ich sehe es eigentlich eher als ein Handwerkszeug und ich würde wollen, dass das eine Selbstverständlichkeit wäre.

Wir finden diesen Wunsch nach der Selbstverständlichkeit total nachvollziehbar.

Aber es klappt natürlich nicht und deswegen müssen wir uns damit befassen.

Innenhof des Hauptgebäudes der Uni Jena.
Innenhof des Hauptgebäudes der Uni Jena. © Nikolas Ripka

Inwiefern muss eine Hochschule in der Wissensproduktion gerade auch hinsichtlich der Reproduktion von gesellschaftlichen Ungerechtigkeitsverhältnissen selbstkritisch sein und wie kann das Teil der Curricula sein?

Das ist total schwierig. Vielleicht kann man es sich vereinfachen oder erleichtern, indem man sich auch von anderen angucken lässt, weil man selber ja immer den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Ich denke, gerade auch aus entwicklungspsychologischer Perspektive heraus, sind wir ja alle in bestimmten Kontexten mit bestimmten Sichtweisen groß geworden und das beeinflusst unsere Sichtweisen ohne dass wir das überhaupt merken. Wir laufen rum mit bestimmten Identitätsideen über uns selbst und über unsere Mitmenschen, die in unseren Köpfen stecken und da schon frühzeitig so installiert sind.

Sodass beispielsweise viele Mädchen sich erst gar nicht überlegen einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen, weil sie nicht auf die Idee kommen oder glauben, dass es für sie nicht bedeutsam ist, jemals einen naturwissenschaftlichen Beruf auszuüben. Es ist nicht mal so, dass sie das Gefühl haben »ich darf das nicht« oder so, sondern sie wollen es sozusagen schon gleich gar nicht, weil sie eben von früh auf so groß geworden sind, dass sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, dass das etwas für sie sein könnte.

Glauben Sie, dass eine Hochschulausbildung da vielleicht Einfluss nehmen kann auf Menschen und ihre unbewussten Ideen und Vorstellungen? Das wäre auch wieder der Punkt Verantwortung einer Hochschule. Ist das etwas, was Hochschule leisten kann und soll?

Ich glaube wir haben gewisse Grenzen, was wir schaffen können ohne uns total zu verheddern, in dem wir da bewusst und aufmerksam werden. Ja, ich glaube, wir sollten uns bemühen, aber wir sollten nicht unsere ganze Zeit damit verbringen, weil wir sonst überhaupt nichts anderes mehr auf die Reihe kriegen. Ich würde mir wünschen, dass wir auch mit solchen Fragen bewusster umgehen. Aber ich glaube, wir müssen uns auch klar sein, dass das sozusagen eine gewisse Realitätsorientierung an dieser Stelle ist, dass wir es nicht komplett repariert kriegen und dass wir vielleicht auch in erster Linie mit ein bisschen Großzügigkeit und Geduld miteinander umgehen müssen.

Es gibt momentan 5 Präsidentinnen im Land Brandenburg, die eine Hochschule leiten. Denken Sie, dass Ihr Geschlecht eine Rolle spielt?

Ich würde mal sagen, der Führungsstil von Frauen in solchen Rollen ist bestimmt ein bisschen anders als der von Männern, aber das wissen dann die Leute, die sozusagen das Opfer von dem Führungsstil sind, am besten. Aber ich würde selber mal annehmen, dass es schon verschieden ist wenn ich mit einer Frau arbeite, die irgendetwas ausgestaltet. Ich denke, dass es bei Frauen schon nochmal mehr um Konsens geht, um Verständigung und Diskussion und weniger um Eitelkeiten, sich durchsetzen müssen und ganz besonders der dickste Hecht im Teich zu sein.

Es gibt bestimmt auch Frauen, die total eklig sind (lacht) und auf den Tisch klopfen und nicht gut diskutieren können und wollen. Und auch Männer, die eben sehr viel Lust auf Konsens und auf gemeinsames Überlegen haben, aber wenn man jetzt den Median angucken würde, findet man vielleicht auch diese kleine Quäntchen Unterschied, also es ist vielleicht doch ein bisschen verschieden. Wie das dann läuft, das werden Sie ja sehen. Können Sie mir dann in einem Jahr sagen, ob Sie finden, dass es anders ist.

Was bringen Sie aus Ihrer Erfahrung als stellvertretende Kanzlerin mit?

Im Präsidium habe ich an allen möglichen Themen gearbeitet: Am Schreiben von Ziel- und Leistungsvereinbarungen, am Verhandeln mit Fakultäten, am Diskutieren von schwierigen organisatorischen Fragen, an Änderungsprozessen. Dazu kamen dann noch die Arbeitsthemen des Kanzlers.

Als stellvertretende Kanzlerin habe ich vieles gesehen, war relativ nah dran an den Vorgängen der Verwaltung. Dadurch weiß ich ganz viel über die Nöte von so einer Verwaltung. Wie schwierig das ist, wenn man keine guten Festlegungen hat, wenn vieles auf Zuruf funktioniert, wenn es keine klaren Zuständigkeitsregelungen gibt, wenn Leute doppelt arbeiten, der eine machts so, der andere machts anders; geht eine Studierende zu dem, kriegt sie die Auskunft, geht sie zu jemand anderem, hört sie was völlig anderes.

Da sehe ich an vielen Stellen, dass Hochschulverwaltungen, auch gerade in ihrem Zusammenspiel mit den Fachbereichen nicht gut genug sind, und dass wir da was machen müssen. Aber andererseits sehe ich auch, dass Fachbereiche vielfach überhaupt kein Verständnis dafür haben, welche Probleme so eine Verwaltung hat, denn die muss ja dafür sorgen, dass gesetzliche Regelungen eingehalten werden und sich in dem vorgegebenen Rahmen bewegen, und die können einfach bestimmte Sachen nicht verwirklichen.

Auf die Weise war ich immer eine gute Brücke zwischen Hochschulleitung, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern einerseits und andererseits den Verwaltungsbelangen. Und das kann ich glaube ich gut mitbringen. Ich denke, dass das auch etwas sein wird, was es uns leicht machen wird, der Kanzlerin und mir, gut zusammenzuarbeiten. Weil ich viel von dem verstehe, was sie umtreibt, was sie vielleicht fertig macht oder wo es schwierig wird.

Insofern habe ich mich unheimlich gefreut, gestern, als ich in das Zimmer des Präsidenten kam und gesehen habe, dass die Kanzlerin und der Herr Binas ein Sekretariat und einen Eingang haben, das heißt, die müssen sich über den Weg laufen. Und wenn ich dann da sitze, dann wird das natürlich so sein, dass ich ganz viel mit der Frau Reich reden werde, und das finde ich super, weil ich einfach denke, eine Hochschule kann anders überhaupt nicht funktionieren.

Eva-Schmitt-Rodermund in ihrem Büro
Eva Schmitt-Rodermund in ihrem Büro. © Nikolas Ripka

Sie haben die FH Potsdam bereits zweimal besucht. Wie war Ihr Eindruck von der Hochschule, vor allem im Vergleich zu Jena?

Ich hatte eine schöne geführte Tour mit zwei Mitarbeiterinnen, die mir den Campus gezeigt haben, und ich habe mir gedacht: Das ist aber schön hier! Man merkt im Haus überall, dass es Leute gibt, die sich mit schönen Möbeln auskennen, die Lust haben an Gestaltung, die Lust haben am Diskurs. Man hat an vielen Stellen Leute gesehen, die sich unterhalten haben draußen, die irgendwo saßen und gearbeitet oder miteinander geredet haben, und das hat mir super gut gefallen.

Das war so was, wo ich dachte, da fühle ich mich wohl, das ist meine Welt. Klar hat man auch schwierige Fragestellungen, aber irgendwie war es so, da liefen Leute durchs Treppenhaus und man hat sich getroffen und kurz miteinander geredet, und das war ein gutes Klima. Und da kann man auch Probleme lösen, wenn sie miteinander sprechen, wenn das Klima irgendwie freundlich ist.

Ist die kleine Hochschule ein Vorteil bei der Lösung von Problemen?

Na klar. Alleine aus der Tatsache, dass man sich gut kennt, kurze Wege hat und sich gut abstimmen kann. Und da freue ich mich drauf, dass man eben wirklich auf kurzem Wege und mal schnell rüber gehen und mit Leuten reden kann. Campus-Uni halt, das ist dann schon nochmal ein Stück anders. Hier die Uni Jena, die hat ich weiß nicht wie viele Standorte, wir sind verteilt über die ganze Stadt. Das ist zwar irgendwie auch nett, weil die Studenten dann kreuz und quer durchlaufen und die ganze Stadt dadurch ganz lebendig ist, hilft aber nicht für gute Kommunikation.

Mir gefällt das moderne Gesicht, was die FH Potsdam hat. Jena ist ja nun das Gegenteil davon, wir sind jetzt um die 460 Jahre alt und an vielen Stellen merken Sie das: alles sehr konservativ, altehrwürdig – da fehlt so ein Stück Frische. Und das macht sich zum Beispiel daran bemerkbar, dass es unglaublich lange dauert, den Frauenanteil unter den Professoren höher zu kriegen. Das geht jetzt so langsam voran, aber es ist ganz schwierig. Da sind Sie einfach Lichtjahre weiter mit Ihrer FH Potsdam, und da freue ich mich drauf.

Wie Sie ja bereits wissen, haben wir an der FH;P eine studentische Vizepräsidentin, inzwischen schon seit 5 Jahren. Wie stehen Sie zu diesem Amt und der Möglichkeit, dass in der Hochschulleitung immer auch eine studentische Perspektive Einfluss hat?

Ich finde, das ist ein gutes Modell. Ich hatte Frau Becker jetzt leider nicht getroffen, als ich im Präsidium war. Sie musste weg, um ein Wohnheim zu eröffnen. Aber ich finde das eine gute Sache, weil sie eine Korrekturfunktion haben kann, wenn man jetzt total auf dem Holzweg ist und sie dann sagt: »Ey nee, das kann man doch nicht machen!«. Oder »was denken Sie sich denn dabei, wie begründen Sie das und das?« also dass sie auch wieder bestimmte Botschaften mitnimmt zu den übrigen Studierenden und sagt: »da sieht es jetzt vielleicht ein bisschen doof aus, aber das hat den und den Grund, dass das jetzt so vorgesehen ist«.

Ich glaube, dass das hilft in der Verständigung, das bedeutet aber auch, dass Sie als Studierende sicherstellen müssen, dass Ihre studentische VP mit Ihnen gut vernetzt ist und dass sie einfach auch weiß, wo Ihnen der Schuh drückt und welche Sachen bei Ihnen eine Rolle spielen. Was mich eigentlich immer nervt ist, dass die Wahlbeteiligung bei studentischen Gremien immer so grottig ist. Und sich ja viele Leute nicht dafür zu interessieren scheinen. Die Studierenden, die sich hier engagieren, die sind oft einsam im Wald und letztlich kommen die dann an und sagen »ja, ich habe da zwar was gehört, aber im Grunde genommen, kann ich dazu gar nichts sagen, weil die Betreffenden mir da irgendwie nichts mitgegeben haben«. Und das finde ich schlecht, also es ist doch eine Chance, dass man Studierendenvertreter hat und die muss man aber auch spielen, die muss man nutzen.

Was glauben Sie woran das liegt, dass es da so ein vermeintliches Desinteresse der Studierenden zu geben scheint?

Tja, ich weiß es nicht so genau. Hier beobachte ich, dass es vielfach Leute gibt, die sagen: »ich will das alles nicht, ich will meine Ruhe haben, ich will meinen Sport machen und lasst mich doch zufrieden mit irgendwelchen Diskussionen, das ist mir alles egal«. Das muss man wahrscheinlich akzeptieren, dass es so ist. Und was sicherlich auch eine Rolle spielt, ist dass durch dieses Bachelor-Master-System das Studium doch auch stärker verschult ist und dass auf der Basis auch einfach weniger Zeit bleibt sich zu engagieren, sich auszutauschen, sich zu unterhalten. Da fällt dann sicherlich auch eine bestimmte Qualität hinten runter.

Hauptgebäude der Uni Jena.
Hauptgebäude der Uni Jena. © Nikolas Ripka

Vielleicht ist aber auch eine Frage von Privilegien, wer es sich überhaupt leisten kann in der studentischen Selbstverwaltung aktiv zu werden. Dann kann es nicht nur heißen „die Studierenden sind desinteressiert“ sondern dann sollte sich eine Hochschule auch fragen: was sind Möglichkeiten und Ansätze, damit Ehrenamt wieder lohnenswerter oder überhaupt erst möglich wird? Welche Möglichkeiten sehen Sie diesbezüglich?

Da habe ich bis jetzt keine gute Antwort drauf. Da weiß ich nicht genau, wie man das machen könnte. Ich denke, man müsste da wirklich nochmal drüber sprechen, was Leuten, die sich engagieren, auch was geben würde. Was Leuten wie Sie, die jetzt hier herkommen und dafür auch einen Aufwand haben und sich Zeit nehmen, was Ihnen etwas geben würde. Natürlich außer der Tatsache, dass wir uns jetzt kennen und dass wir, wenn wir uns auf dem Flur über den Weg laufen, ich Sie auch in einem Jahr noch kenne. Und dass Sie dadurch, wenn irgendetwas klemmt, Sie ja dann vorbeikommen und wir darüber sprechen könnten. Das wäre für mich damals auch ein Anlass gewesen, bestimmte ehrenamtliche Sachen im Studium zu machen.

Vorhin schimmerte in Ihren Ausführungen über eine moderne Hochschule aufgrund des starken Fokus auf Funktionen- und Aufgabenverteilung auch eine klare Vorstellung von Hierarchie durch. Wie passen in diesen Kontext Gremien hinein und welche Rolle spielen sie bezüglich der Funktionalität und Effizienz einer Hochschule?

Sie sind extrem wichtig. Eine Hochschule ist ein zutiefst demokratisches Gebilde. Insofern ist es immer eine ganz große Aufgabe, alle Gruppen mitzunehmen und Dinge nicht im stillen Kämmerlein zu entscheiden. Das ist schwierig. Wenn dann da jemand Druck macht und sagt: »Jetzt liefer mal endlich das Papier und mach mal hin!« Dass man dann sagt: »Wenn ich damit jetzt noch in die Gremien gehe, dann gehe ich total mit meinem Zeitplan baden und dann mach ich das jetzt nicht mehr.« Ja … nicht gut!

Aber wie kriegt man das besser hin? Dafür dann Antworten zu haben, das finde ich auch wichtig. Dass man guckt – ich weiß nicht ob die FH Potsdam so etwas hat – gibt es eine Cloud, auf die wir alle zugreifen können? Kann man da Dokumente reinstellen? Kann man da Sachen reinstellen, die im Moment work in progress sind und können Leute sich dazu äußern? Dann braucht man vielleicht die Gremien nicht mehr so unbedingt mit ihren Terminen. Wobei sie sich ja relativ oft treffen, zumindest in der Vorlesungszeit. Ich stelle mir schon vor, dass man sich zusätzlich andere Wege des Austauschs sucht, wie man das gut hinkriegen kann. Das ist wichtig, aber auch schwer.

Und mit den Hierarchien, das dürfen Sie nicht falsch verstehen. Ich meine das gar nicht im Sinne von »Ich Chef und du Holzkopf« sondern ich muss einfach wissen: Was sind meine Zuständigkeiten, meine Aufgaben, wofür bin ich verantwortlich, was darf ich entscheiden? Das ist extrem wichtig. Wenn Sie irgendwo wissenschaftlich oder in der Verwaltung Mitarbeitender sind, was dürfen Sie selbst regeln? Oder ist es so, dass meine Chefin mir hinterher die Hölle heiß macht, wenn ich da gesagt hab, wir machen das so und so? Da finde ich es eben gut, wenn so etwas klar ist.

An der FH;P gibt es gegenwärtig rund 220 studentische Beschäftigte und mal abgesehen davon, dass auch wir hier offiziell als Sachmittel geführt werden, fragen wir uns, inwiefern die niedrige Bezahlung von SHKs und WHKs nicht auch der Wettbewerbsfähigkeit der Hochschule schadet und wir dadurch qualifizierte Leute verlieren? Unter anderem auch einfach aus dem Grund, dass manche von uns auf jeden Euro mehr pro Stunde angewiesen sind.

Ich denke nicht. Ich komme aus einem Kontext mit, ja, mehr oder weniger einem Arbeiterhintergrund. Bei uns gab es nicht viel Geld zu Hause und ich musste immer arbeiten während des Studiums. Ich habe trotzdem gewählt, als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Warum? Ich wusste, ich würde hier weniger verdienen als wenn ich in einer Versicherung jobbe oder etwas ganz anderes mache. Für mich war die Nähe zu dem Thema wichtig, das mich interessiert hat. Und ich konnte dann durch den studentischen Hilfskraftjob meine Diplomarbeit schreiben.

Das ging dann ineinander – die Sachen, die ich am Lehrstuhl gemacht habe und die ich für mich gemacht habe, das gehörte zusammen und das hat mir Spaß gemacht, schön war auch, ganz nah bei den Forschungsarbeiten zu sein, bei den übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sein, die dann ihre Themen vorgestellt haben. Das fand ich klasse und das war meine Wahl, ich wollte das so. Ich wusste, ich verdiene weniger aber das war mir egal. Ich denke, das funktioniert bis heute so, dass Leute, die was wollen und Anregungen suchen, dann wählen, was für einen Job sie machen. Vielleicht dann doch eher einen studentischen Hilfskraftjob machen und sich nicht an die Kasse setzen, obwohl bei Aldi eben auch 10 oder 11 Euro drin sind.

Wenn es um Transfer oder Kooperationen geht – wie sehen Sie das Verhältnis einer nicht-ausfinanzierten Hochschule zur Wirtschaft? Wie bewerten Sie das und was denken Sie sind Handlungsnotwendigkeiten oder -möglichkeiten?

Bei Fachhochschulen ist die Wirtschaft ja ein unheimlich wichtiger Partner, da muss man sich nichts vormachen. Für Universitäten gilt das auch, aber nicht so stark wie für Fachhochschulen. Diese ganze Thematik mit Weiterbildung, Transfer, Auftragsforschung – das ist etwas, das gut laufen sollte und das ist mir wichtig, dass so was gut läuft und stattfindet. Andererseits sehe ich es auch als wichtig, dass man sich nicht von Unternehmen abhängig machen sollte an der Hochschule.

Da den Grad immer zu treffen, das ist nicht so ganz trivial. Das muss man immer wieder mal diskutieren, wie man dann vorgeht, was man da möchte. Ich habe mich hier immer versucht danach zu entscheiden: Was bringt den Studierenden Vorteile? Keinen Vorteil haben sie, wenn der Hörsaal einen bestimmten Namen trägt. Aber sie haben vielleicht Vorteil davon, wenn sie Sachen kriegen können, die sie ansonsten hätten bezahlen müssen. Klar kann ich sagen, das ist Werbung. Aber wenn die Leute dann Sachen bekommen, die sie gut finden, mit denen sie was anfangen können, dann klar, warum nicht?

Das ist aber immer ein Aushandlungsprozess und da kann man nicht sagen: so und so muss das sein. Klar, Wirtschaft ist wichtig. Wirtschaft ist ein Partner, aber Wirtschaft kann natürlich auch bestimmte Sachen kaufen. Da muss man eben auch echt aufpassen, dass man da nicht wie ein Pferdchen vor dem Karren läuft. Das wollen Hochschulen nicht.

Wir würden gerne mit einer kleinen Anekdote anknüpfen. Letztens bei einer Diskussion um Lehrinhalte an der FH;P sagte ein Dozent: „Wenn es nach mir ginge, würden Studierende hier nur das lernen, womit sie später auch direkt Geld verdienen können.“ Wie bewerten Sie diese Aussage?

Naja, zunächst einmal ist ja an der Aussage doch gar nicht so viel falsch. Sie müssen ja irgendwie auch leben können. Deswegen studieren Sie ja unter anderem auch, nämlich um Ihren Lebensunterhalt mit Ihrem Studium verdienen zu können, sonst müssten Sie es ja nicht machen. Wenn es nur um Spaß ginge, dann könnte man ja auch zu Hause sitzen und ein Buch lesen und dann wäre es auch gut. Prinzipiell ist das also schon mal eine gute Marschrichtung.

Andererseits reicht es meiner Meinung nach nicht. Wenn ich wirklich will, dass Studierende den Transfer hinkriegen zwischen der Welt da draußen und dem, was sie im Studium lernen, dann muss ich ihnen beibringen, wie man Probleme gut analysiert, wie man Themen bespielen kann, dass da am Ende was Neues herauskommt. Oder wie man Schwarmintelligenz nutzt, mit dem Ziel, dass man gemeinsam die Ideen kriegt. Und das ist erstmal nicht, womit sich gut Geld verdienen lässt. Das mag dann auch ein Instrument sein dafür, aber vordergründig ist es das nicht. Es ist vordergründig ein Werkzeug, aber dafür ist die Hochschule auch da.

Davor haben Sie was Schönes gesagt, wo es darum ging, gute Dinge zu tun als Hochschule. Wie ist es aber mit der Gesellschaftsanalyse? Also was läuft gut, was läuft falsch und was müssen wir mitbedenken? Die Komplexität ist ja doch größer als nur „wie eigne ich mir an, wie funktioniere ich im Transfer“ sondern eben auch: Was hängt dahinter? Welche langfristigen Auswirkungen hat unser Handeln auf Gesellschaft und Umwelt?

Ja, eben, das ist das, was ich meine. Das eine ist, dass Studierende lernen, wie muss ich A und B zusammenpacken, damit hinterher ein Haus draus wird. Damit können Sie Geld verdienen, keine Frage. Aber wenn Sie die Welt gestalten wollen, dann reicht das halt nicht. Sondern dann müssen Sie auch mit anderen Fachrichtungen Kontakt aufnehmen und sich über Themen wie Nachhaltigkeit Gedanken machen. Sie können nicht einfach drauf los bauen – können vielleicht schon – aber das macht halt keinen Sinn. Insofern ist es zu kurz gesprungen, wenn ich sage, ich bringe den Studierenden nur bei wie man baut, sprich, wie man Geld verdient, und alles andere interessiert mich nicht. Der Rest muss auch interessieren. Ich glaube, dass man das auch leisten kann durch diese interdisziplinären Fragestellungen, die ja auch da sind. Was ich mir wünschen würde, ist, dass eine moderne Hochschule auch etwas dazu zu sagen hätte.

Planen Sie, nach Potsdam umzuziehen?

Wir haben gestern früh auch was angeguckt, mein Mann und ich. Das war total spannend, weil wir noch gar nicht so richtig wussten, was uns erwartet und wie der Wohnungsmarkt so ist. Wir haben uns diese Wohnung angeschaut und das hat Spaß gemacht. Potsdam ist unglaublich teuer, das ist selbst für eine Präsidentin teuer.

Wir werden uns sicherlich auch ein Stück verkleinern. Julian, unser Sohn, wird hier in Jena bleiben. Bei den meisten Jugendlichen ist es so, dass die dann abhauen und die Eltern bleiben; bei uns ist das umgekehrt. Wir diskutieren gerade noch, was wir so möchten und brauchen. Im Moment wohnen wir in so einem Einfamilienhaus am Stadtrand und wenn wir ein Haus in der Größe wiederhaben wollten, dann müssten wir wahrscheinlich 15 Kilometer außerhalb was suchen, weil wir das ansonsten gar nicht bezahlen können. Das ist irgendwie noch mal eine etwas andere Welt im Speckgürtel von Berlin.

Welche Musik hat Sie eigentlich in Ihrer Jugend geprägt?

Ich kann Ihnen sagen, dass ich diese Musik wahrscheinlich immer noch höre. Ich bin eine ständige Spotify-Benutzerin. Ich sitze viel am Schreibtisch mit Kopfhörern im Ohr, weil mich das abschirmt und weil ich dann gut arbeiten kann, das finde ich total klasse. Was hör ich dann da so? Also mein Sohn sagt immer: »Mudder, du hörst total schreckliche Musik!« (lacht). Der mag halt so Deutschrap und so Sachen, was Sie bestimmt auch so hören. Ich höre das auch wenn ich mit ihm Auto fahre, dann finde ich das okay und das macht mir nichts aus. Wenn ich alleine fahre höre ich viel Radio, am liebsten Sachen, wo ich mitsingen kann. Diese Schnulzen aus den 90ern, 80ern, Lionel Richie, Simply Red oder Peter Gabriel. Aber ich mag auch Jazz. Eine meiner Lieblingssängerinnen ist Silje Nergaard.

Schade, wir hatten auf eine musikalische Jugendsünde gehofft.

Jugendsünde? Nee! Aber was mich super begeistert: Ich habe irgendwann mal ein bisschen angefangen mit dem Tanzen. Salsa, Merengue – das finde ich toll und das könnte ich gern besser. Aber dafür habe ich dann nicht die Zeit. Und mein Mann, der ist ein erklärter Nicht-Tänzer. Ich habe ihn so lange bearbeitet, dass er jetzt jedes Jahr an Silvester mit mir tanzt – das finde ich super. Also einmal im Jahr bin ich dann eine ganz glückliche Frau (lacht). Das ist Musik, die ich total mag. Nicht immer, aber zum Tanzen ist das richtig schön.

Eva Schmitt-Rodermund an ihrem Schreibtisch
Eva Schmitt-Rodermund. © Nikolas Ripka

1 Kommentar

  1. Toller, sehr informativer Artikel, der hoffen lässt, dass ab Januar ein neuer Wind durch die Hochschule weht. Vielen Dank an die beiden, die die Reise nach Jena dafür auf sich genommen haben. Sehr fundiert und qualifiziert gestellte Fragen, kluge Antworten, es hat Spaß gemacht, dieses Interview zu lesen. So hat man ein Bild und einen Eindruck gewonnen von der künftigen Präsidentin.

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