Ein Jahr mit ESR

Eva Schmitt-Rodermund sitzt an ihrem Tisch und lächelt in die Kamera
© Elena Langner

Seit über einem Jahr hat die Fach­hoch­schule eine weib­liche Spitze. Semi­kolon hat ein Follow-up-Interview mit Eva Schmitt-Rodermund (ESR) geführt und gefragt, ob sie sich schon ein­gelebt hat und wie sie mit allem klar­kommt. ESR erzählt von ihrem Alltag, über die Kom­mu­ni­kation mit den Fach­be­reichen und wieso eigentlich eine Schale mit Süßig­keiten auf ihrem Sit­zungs­tisch steht. Und über ihre Freude am Fahr­rad­fahren.

Ich habe mich am zweiten Arbeitstag in 2020 mit ESR in ihrem Büro getroffen. Während sie noch eine Mail zu Ende geschrieben hat, habe ich mich umge­schaut. Ihr Büro sieht ein wenig voller … fast ein­ge­richtet aus. Zumindest im Ver­gleich zum Sommer, als Semi­kolon Gre­mi­en­wahnsinn mit ihr gedreht hat. Auf der Kommode stehen Gast­ge­schenke von Koope­ra­tionen im letzten Jahr. Ihr Assistent, Martin Weiße, bringt mir einen Tee.

Haben Sie noch Spaß an Ihrem Job?

Welchen Ein­druck haben Sie, wenn Sie mich sehen? (lacht) Ja, habe ich. Ich bin aber auch ein Mensch, der Sachen mit Energie und Spaß anpackt und ganz selten mal die Nase hängen lässt. Ich denke auch, dass sich das oft auf Andere über­trägt. Wie es in den Wald hin­ein­schallt, kommt es zurück. Und klar hat man mal einen schlechten Tag, aber wenn man freundlich ist, fühlt sich die Person auch wert­ge­schätzt.

Wie geht es Ihrem Hund?

Dem geht’s gut. Der ist tagsüber super betreut durch meinen Mann. Ich mache morgens und abends längere Spa­zier­gänge und werfe ihm sein Bällchen, da freut er sich immer und ich habe ein bisschen Bewegung.

Fühlen Sie sich schon heimisch in Potsdam?

Ja, aber noch nicht so wie in Jena. Da musste ich nur vor die Tür gehen und man konnte mit jemanden reden, aber das ist halt so, wenn man 20 Jahre irgendwo gelebt hat. Das ist hier noch nicht, aber das ist ganz angenehm, so kann man auch noch zwanglos sein.

Haben Sie Potsdam schon besser kennengelernt?

Nein, noch nicht. Bis auf den Park und ein paar Aus­flüge. Aber auf der Liste steht noch, u. a. das Schloss Sans­souci von innen anzu­sehen.

Haben Sie einen der vielen Weihnachtsmärkte besucht?

Ja, aber nicht den in der Stadt­mitte. Sondern den im Krongut, weil es ganz in der Nähe ist.

Können Sie auch mal abschalten? Was tun Sie, um sich zu entspannen?

Ich kann ganz gut ent­spannen, beim Spa­zieren mit dem Hund. Ich bin eh nicht so eine, die sich pau­senlos mit Arbeit befasst, die Mails werden dann beant­wortet, wie ich geh und steh, damit niemand wegen mir lange warten und ich nicht mehr lange darüber nach­denken muss. Ich kann das nicht, ein volles Postfach zu haben. Ich finde, es ist meine Pflicht, die Sachen schnellst­möglich raus­zu­hauen.

Wie viele Mails kommen so am Wochenende rein?

Am Wochenende ist es meistens ruhig. Da ver­suchen die Kanz­lerin und ich immer unsere Schreib­tische zu leeren.

Mails im Jahr 2019

2019: 220 Arbeitstage. Viele Mails waren in CC.

praesidentin@

Eingang: 6023 Mails

Ausgang: 3430 Mails

schmitt-rodermund@

Eingang: 3760 Mails

Ausgang: 2332 Mails

Das ist aber auch so viel, weil das meiste über Mail­verkehr läuft. Es kommt noch Post, aber das sind dann Ein­la­dungen, Briefe aus dem Minis­terium, Infor­mation oder Ver­träge … alles was eine richtige Unter­schrift braucht.

Wie kommen Sie jeden Tag zur FH?

Mit dem Fahrrad.

Und wie viele Fahrräder haben Sie?

Drei.

Und was sind das für Fahrräder?

Also ich fang mal mit dem an, mit dem ich heute gekommen bin. Das ist ein Cor­ratec Sport­fahrrad, 16,5 kg mit Bal­lon­reifen, ohne Federung. Das ist mein All­tagsrad, meine Stadt­schlampe. Dann habe ich noch ein Rei­se­fahrrad, von der Firma Utopia Fahr­rad­ma­nu­faktur, gebraucht. Unglaublich teuer die Dinger, ich habe es ein bisschen gepimpt mit Gepäck­trägern, es kann jetzt 160 kg tragen – wenn es dann zum Zelten geht, muss halt alles mit. Hat auch eine ganz tolle Schaltung.

Dann hab ich noch ein E‑Bike, aus Jena-Zeiten. Jena ist ja in einem Tal und da hatte ich jeden Tag 220 Höhen­meter und ich habe das gehasst. Potsdam ist super dagegen. Der Gegenwind ist auch doof, aber Berge sind schlimmer.

Das hört sich ja nach einem richtigen Hobby an?

Ja schon, ich fahre jedes Jahr im Sommer, alleine, seitdem ich 18 Jahre alt bin. Durch Deutschland und Umland durch, um zuletzt dann oft irgendwo an der Ostsee zu landen. Fahrrad fahren finde ich super. Auch mit Freun­dinnen und früher mit den Kindern. Mein Mann findet das schrecklich. Er fährt dann immer mit dem Auto zwei, drei Tage später los.

Wenn es um Ihre Anreise zu einer Veranstaltung für die FH geht, haben Sie ja einen (hybriden) Firmenwagen. Studierende fragen sich: wieso muss es ein BMW sein?

Das Auto ist der Arbeits­platz für den Fahrer und muss damit gewisse Kom­fort­stan­dards erfüllen, auch auf der Rückbank muss genügend Platz zum arbeiten sein. Des­wegen gibt es nur bestimmte Auto­typen, die das alles erfüllen. Ansonsten wäre das egal. Für Tesla haben wir kein Geld. (lacht)

Wie oft nutzen sie ihn und für wohin?

In Berlin mache ich alles mit den Öffis und in Potsdam mit dem Fahrrad, wenn es zeitlich geht. Das Auto nutze ich nur bei Anschluss-Ter­minen oder wenn ich ordentlich ange­zogen sein muss. Dann bleiben noch Termine wie in Stralsund oder Wer­ni­gerrode, die nicht so gut zu erreichen sind. Der Fahrer ist in erster Linie beim HGP und hält den Campus mit in Ordnung. Das Auto steht mehr, als es läuft.

Wenn Sie ein zweites Studium an der FH anfängen müssten, welchen Studiengang würden Sie studieren?

Oh, das ist eine ganz schwere Frage. Künst­le­risch begabt bin ich schon mal gar nicht. Damit scheidet Design aus. Infor­matik gefällt mir, aber das haben wir nicht. Aber auch der soziale Bereich, weil es nah an meinem frü­heren Studium ist. Was ich ganz spannend finde ist Kon­ser­vierung und Restau­rierung, weil die Werk­stätten so schön sind. Aber dafür bin ich zu sehr Wis­sen­schaft­lerin, am knobeln, for­schen und weniger die große Hand­wer­kerin. Bei den Bau­leuten hätte ich Respekt vor Mathe. Ich hätte jetzt Schwie­rig­keiten mich zu ent­scheiden, wenn ich es müsste. 

Tasse mit FHP-Logo
Eva Schmitt-Rodermund mit ihrer zweit-liebsten Kaf­fee­tasse © Elena Langner

Wie waren die Reaktionen der Fachbereiche zu den Einsparungen?

Wir hatten ja im Mai 2019 darüber infor­miert, dass Ein­spa­rungen nötig sind und wie sie erfolgen sollen. Im Sommer wurde in den Fach­be­reichen an den Kon­zepten gear­beitet, die dann im Fach­be­reichsrat ver­ab­schiedet wurden. Die Vor­schläge haben wir dann im Herbst erhalten und uns nach und nach zu Gesprächen getroffen. Und jetzt schreibe ich Briefe für jeden Fach­be­reich, was wir fest­ge­halten haben.

Wir haben alle mit­ein­ander das Ziel der 10% nicht erreicht, weder die Fach­be­reiche, noch die Zen­trale, obwohl die Zen­trale es noch am ehesten erreicht hätte. Aber alle Fach­be­reiche haben Vor­schläge gemacht, welche Pro­fes­suren sie ein­sparen könnten. Ich habe das Gefühl, dass die Fach­be­reiche sich wirklich Gedanken gemacht haben, in ganz neue Rich­tungen. Es ist all­mählich absehbar, was der Plan ist. Ins­gesamt finde ich, ist der Prozess der Aus­hand­lungen gut gelaufen.

Wir können uns alle noch ins Gesicht gucken. Klar gab es Aus­ein­an­der­set­zungen, es gab schon Kante, aber wir haben in allen Fällen ganz gute Ideen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen? Gibt es Einzelgespräche mit Profs und/oder Dekan*innen? Wie findet der Austausch statt?

Im Frühjahr 2019 hab ich eine Tour durch alle Fach­be­reiche gemacht, das ist auch dieses Jahr geplant. Damit man in Kontakt bleibt und die Pro­bleme die es gibt gemeinsam bear­beitet. Die legendäre Bau­stel­len­liste mit weit über hundert Punkten haben wir auch gut abge­ar­beitet, vieles ist aber auch län­ger­fristig. Die schauen wir uns regel­mäßig auch wieder an.

Es gab und gibt immer wieder Gespräche, durch das Prä­si­di­al­kol­legium, alle vier Wochen, oder regel­mäßig einzeln mit den Dekan*innen, ganz ohne Pro­tokoll. Das ist wichtig, dass man gut im Kontakt bleibt, dass geschaut wird wo es Pro­bleme gibt.

Sie haben ja Entwicklungspsychologie und Wissenschaftsmanagement gelernt … Nutzen Sie mehr Ihre Erfahrungen im Management oder der Psychologie für die Kommunikation an der FH?

Das Management. Meine letzten Berufs­jahre in Jena habe ich Ver­än­de­rungs­ma­nagement gemacht, Das waren eher admi­nis­trative Auf­gaben und die Über­le­gungen, bei welchen Ver­än­de­rungen was pas­sieren und gemacht werden muss. Das hat dann aber auch viel mit Psy­cho­logie zu tun: Wenn man ein Schiff in ein andere Richtung bringen will, dauert das. Da fließt eine Menge Wasser durch die Havel. Und man muss gut über­legen, was man für die Rich­tungs­än­derung tun muss. Am Ende sind es die Men­schen, die über­zeugt werden wollen.

Es gibt ja den Plan Ihrerseits – oder eher den Versuch Studierende mehr in die Organisation von Festivitäten durch die Verwaltung der Hochschule einzubringen. Wie läufts Ihrer Meinung nach?

Das hat bislang nicht so gut funk­tio­niert, ich weiß selbst nicht wieso. Am Anfang wurde der Beschluss gefasst im Prä­si­di­al­kol­legium, dass die Werk­schau in einem neuen Format statt­findet und eine Prä­sen­tation der gesamten Hoch­schule werden soll, mit Bei­trägen von allen. Die Dekan*innen fanden die Idee gut. Dann sollten alle Fach­be­reiche eine Person benennen, die das von der Per­spektive der Leh­renden betreuen. Das Kuriose war dann, dass sowohl diese Person als auch andere Leute aus den Fach­be­reichen, als auch die Stu­die­renden alle gesagt haben, das ist doch Mist.

Ich hatte hier auch Leute gefunden, die die Ver­an­staltung zentral betreuen konnten, die die Sachen mit­regeln. Die inhalt­liche Arbeit hätten dann  z.B. die Kulturarbeit*innen in einem Seminar bei Frau Glesner machen können. Doch die Leute, die in diesen Semi­naren waren oder die das letztes Jahr gemacht haben, fühlten sich bevor­mundet. Andere Fach­be­reiche, die da noch gar nicht beteiligt waren, haben sich dann auf­geregt, dass sie sich auf den Termin des Fach­be­reichs Design anpassen müssen. Und wieder andere haben gesagt, wir haben doch gar nichts, was man auf so einer Werk­schau prä­sen­tieren kann. Es war ein Hexen­kessel, was die Leute alles so an Wider­ständen hatten.

Deshalb haben wir im Prä­sidium nochmal darüber gesprochen, dass wir an der Idee einer gemein­samen Ver­an­staltung fest­halten. Und da ist dieses „Schau­fenster“ ent­standen, da kam die Infor­mation ja auch per Mail an alle Stu­die­rende. Am gleichen Tag wie die Werk­schau soll das neue Format statt­finden und wenn die Designer*innen ihre Pro­jekte auch beim Schau­fenster prä­sen­tieren wollen, können sie das. Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren das Interesse wächst und dann mehr mit­machen wollen. Mal gucken wie es wird.

Das dies­jährige „Schau­fenster“ soll unter dem Thema Klima, im Zusam­menhang mit dem Kli­ma­se­mester, stehen. Da haben auch alle Fach­be­reiche was zu sagen. Damit wollen wir anstoßen, dass Ver­an­stal­tungen zu Klima und Nach­hal­tigkeit gemacht werden und die Ergeb­nisse können bei dieser Schau gezeigt werden. Dass aber auch Werk­schau-Teile ihren Platz darin finden und wir eine gemeinsame Öffent­lich­keits­arbeit machen für den Tag, und zusehen, dass wir mög­lichst viele Besucher*innen auf den Campus kriegen, die dann nicht nur die Ergeb­nisse des Kli­ma­se­mesters angucken kommen, sondern auch die ein­zelnen Fach­be­reiche besuchen und deren andere Pro­jekt­er­geb­nisse sehen können. 

Die Hochschule ist für ihr Konzept FHPgesund! eine Kooperation mit der Techniker Krankenkasse eingegangen, um Kurse und Beratung im Bereich Gesundheitsmanagement anzubieten. Was ist Ihre Meinung zu dieser Kooperation?

Sie wurde vor meiner Zeit geplant, wo ich noch gar nicht da war, aber ich finde das Konzept gut. Die Kanz­lerin hatte es damals ein­ge­tütet. Viele Hoch­schulen haben so was, auch in Jena gab es das. Die Kran­ken­kassen haben daran ein großes Interesse – viel­leicht, weil sie sich Mit­glieder erhoffen. Man muss immer ein bisschen auf­passen, es ist eine Firma, die wirt­schaft­liche Inter­essen hat, aber ich finde das zu ver­schmerzen, wenn aus so einem Projekt für die Hoch­schule oder Per­sonen ein Nutzen ent­steht, dann kann man das machen. 

Wenn Sie sich ein Superheldennamen geben müssten, welchen würden Sie sich ausdenken?

Sie stellen mich jetzt richtig vor Pro­bleme. Ein Name fällt mir schwer ein, aber eine Fähigkeit die ich mir wün­schen würde, wäre dass ich noch besser kom­mu­ni­zieren könnte. Wobei das auch seine Grenzen hat. Ich bin viel­leicht schon so was wie eine Kommunikations-Heldin,im unmit­tel­baren Kontakt, aber natur­gemäß sieht man ja nicht jeden dauernd. Also müssen wir uns andere Wege über­legen, wie Leute Infor­ma­tionen bekommen an dieser Hoch­schule.

Ich glaube das ist eines der Themen, das uns immer wieder beschäftigt, das immer wieder hoch­poppt. Dass Leute sagen „wir wissen nichts“. Das ist von den Leuten teil­weise selbst ver­schuldet, weil viele Infor­ma­tionen da sind und man sich die nur holen muss. Für andere Themen braucht es noch gute Formate, News­letter und Ver­teil­listen – oder wie auch immer man es sich überlegt. Da müssen wir einfach noch  besser werden. 

Ab und zu komme ich nach Hause und sage zu meinem Mann, ich habe heute den ganzen Tag nur wieder ges­abbelt. Man redet und redet. Und es gibt immer noch Leute, die sagen, ich weiß nicht was du machst. Man redet den ganzen Tag und trotzdem sind nicht alle infor­miert. Das ist so Sisyphus-mäßig, da müssen wir einfach noch mal über­legen welche anderen Wege es da geben könnte. Noch mehr Pro­to­kolle gehen auch nicht, es gibt jetzt schon zu viele. Das Thema Kom­mu­ni­kation ist nir­gends gut gelöst und ich wäre gerne die Kom­mu­ni­ka­tions-Welt­meis­terin. Ich sehe keinen Bereich, auch außerhalb der Hoch­schule, bei dem alle mit der Infor­ma­ti­ons­ver­teilung zufrieden sind.

Die Leitung an Universitäten in Deutschland sind nur zu  ¼ Frauen. Wie finden Sie, dass es so wenig Frauen in der Hochschulleitung gibt und was sagen Ihre Erfahrungen?

Ich habe mich in der For­schung mit der beruf­licher Ent­wicklung beschäftigt. Und ver­sucht, die HiWis für For­schung zu begeistern und wenn Frauen bei mir gear­beitet haben, sie dazu moti­viert. Es ist das eine die Hälfte der Welt zu fordern, aber es müssen auch die Frauen da sein, die die Hälfte der Welt haben wollen. Und bei dieser Frage Hoch­schul­leitung, dort gilt auch, dass viele Frauen sagen, das binde ich mir doch nicht ans Bein, ich bin doch nicht bekloppt. Ich will doch leben.

Es wäre schon schön, wenn mehr Frauen in solchen Posi­tionen wären, weil sie einfach einen anderen Füh­rungsstil haben, dass auch Kon­flikte, wo Frauen mit am Tisch sitzen, sich ein­facher klären lassen, als wenn es hungrige Männer sind. Des­wegen ist immer etwas Süßes in der Schale auf dem Sit­zungs­tisch.

Hier sind wir nun ganz und gar her­aus­ragend, wir haben auch eine Senats­vor­sit­zende und eine Kanz­lerin. Die Hoch­schul­leitung ist ins­gesamt pari­tä­tisch auf­ge­stellt. An der Hoch­schule sind  viele der Schlüs­sel­po­si­tionen mit Frauen besetzt. Jetzt wäre natürlich inter­essant zu wissen, ob irgend­welche Männer das mit Argus­augen betrachten, die das Ganze gerne scheitern sehen würden, das glaube ich aber auch nicht. An dieser Hoch­schule gibt es eine große Offenheit darüber, dass jede und jeder, egal was oder wer, machen kann was sie/er möchte bzw. gut kann.

Eva Schmitt-Rodermund arbeitet an ihrem Laptop
Eva Schmitt-Rodermund am Kon­fe­renz­tisch © Elena Langner

Dann zum Rückblick: Ihr erstes Jahr an der FH. Was hat Sie positiv überrascht an der FH?

Schon das mit den Frauen, dass wir über 40% Pro­fes­so­rinnen an der FH haben. Dadurch sind wir als Insti­tution nicht so ver­staubt und ein­ge­fahren. Auch im täg­lichen Arbeiten hat man das gemerkt. Das wusste ich aber schon vorher.

Wie ist es im Vergleich zu Jena?

In Jena war es schon schwierig in den ver­gan­genen Jahren die 24% Pro­fes­so­rinnen-Quote über­haupt zu erreichen. In der Hoch­schul­leitung gibt es eine Vize­prä­si­dentin und alles andere sind Männer. Der Unter­schied war defi­nitiv bemerkbar.

Noch irgendwas, was Ihnen positiv aufgefallen ist?

Die Zusam­men­arbeit macht viel Spaß. Was manchmal nervt ist, dass mit jedem selbst gesprochen werden soll, was gar nicht möglich ist bei so einer großen Insti­tution – ich bin da Anhänger einer Pyra­mi­denform. Jede und jeder sollte die Per­sonen infor­mieren, für die man als Füh­rungs­kraft ver­ant­wortlich ist, und so weiter.  Nicht, dass jeder mit allen redet. Aber das ist wieder dieses Kom­mu­ni­ka­ti­ons­thema, da müssen wir ins­gesamt noch ein bisschen besser werden.

Was haben Sie in Ihrem ersten Jahr alles erreicht?

Also was ich als größten Erfolg sehe ist, dass alle vier Dritt­mit­tel­an­träge mit meiner Betei­ligung bewilligt wurden. Einer davon ist dieses große „Sans­souci Entre­pre­neurship School“-Projekt aus der EXIST-För­derung von Enrico Sass. Das hat uns unglaublich gefreut, das spielt uns fast 2 Mil­lionen in die Kasse für die nächsten vier Jahre. Da sind wir ganz stolz drauf, dass wir das jetzt gewonnen haben. 

Dann freue ich mich, dass wir die AGs auf den Weg gebracht haben. Im Frühjahr 2019 habe ich ein Orga­ni­gramm mit der Hoch­schul­ent­wicklung erstellt, wer wo welchen Hut aufhat, wie die Infor­ma­ti­ons­ketten funk­tio­nieren sollen. Wir haben auch ange­fangen das umzu­setzen und die AGs haben ihre Arbeit auf­ge­nommen. Dazu die Stand­ort­be­stimmung der SKSL, was ihre Auf­gaben sind und dass diese etwas anders sind als die der AG Lehre, analog wie digital. Da haben wir auch den Tag der Lehre mit ver­bracht, daran zu arbeiten. 

In dem Zusam­menhang habe ich letztes Jahr auch ver­sucht Ziele für die Hoch­schul­ent­wicklung zu for­mu­lieren, sodass sie auf ein Blatt passen, die dann im Prä­sidium und in den Fach­be­reichen zur Dis­kussion gestellt wurden. Und die Idee ist eben, das wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und daran entlang die AGs arbeiten zu lassen, was die Umsetzung betrifft.

Wie viel Widerstand gab es allgemein?

Schon viel, aber das ist normal. Men­schen haben es schwer mit Ver­än­de­rungen, das ist nie­manden „einerlei“, wenn sich Sachen ver­ändern. Klar gab es da Gegenwind. Dass Leute gesagt haben, wieso braucht man Forschungsprofessor*innen, wieso sollen wir was in der Lehre anders machen. Wir machen unsere Lehre und das war es dann, und das könnt ihr bitte mal etwas wert­schätzen.

Man ist in einem Diskurs und überlegt sich, was wichtig ist, um mög­lichst viele mit­zu­nehmen. Und, dass auch die Leute ihren Platz haben und Aner­kennung finden, wenn sie nur ihre 18 SWS ordentlich machen wollen. Das ist auch ein Ziel was wir haben, dass alle, die mit­machen können, auch mit­machen wollen und dass wir Unter­schiede zwi­schen uns besser tole­rieren lernen.

Wird mehr in Sitzungen in den Besprechungsrunden besprochen, beim Mittagessen oder zwischen Tür und Angel? Wo gibt es mehr Ideen?

Auf Ideen kommt man eher, wenn man zusam­men­sitzt und über etwas nach­denkt. Da ist jede Gruppe besser als eine Ein­zel­person. Diese Tür-und-Angel-Gespräche sind freilich auch wichtig, dass man mal eben wen sieht. Da kann man schnell kleine Sachen erle­digen, das ent­lastet.

Und jetzt der Blick in die Zukunft, was kann die Hochschule von der Hochschulleitung erwarten?

Ein belast­barer Stel­lenplan, dass Fach­be­reiche wie Zen­trale gut wirt­schaften können. Die Wei­ter­ent­wicklung der Ziele und deren Umsetzung. Wie die Inter­na­tio­na­li­sierung als großes Ziel, da müssen wir uns fragen: was heißt das, wie kriegen wir das hin. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, dass die Stu­die­renden mit Aus­lands­auf­ent­halten keine Zeit ver­lieren und wie das finan­ziert werden kann.

Dann müssen wir die Sachen machen, die im Hoch­schul­vertrag stehen. Den Hoch­schul­ent­wick­lungsplan schreiben und ein­halten.

Und was erwartet die Hochschulleitung von der Hochschule? Wo wünschen Sie sich mehr Kooperation und Verständnis?

(denkt nach) Naja, es wär schon schön, wenn die Leute weiter mit­machen und Gedanken dazu ent­wi­ckeln. Aber gleich­zeitig muss klar sein, dass nicht alle befriedigt werden können. Wenn aber alle ver­stehen, dass das all­ge­meine Wei­ter­kommen das Ziel ist und Kom­pro­misse gefunden werden können. Gut würde ich es auch finden, wenn die Hoch­schule sich gegen­seitig ein bisschen mehr lobt. Das fällt oft hinten runter. 

Beim Tag der Lehre sollte man auch einmal träumen, wie in 10 Jahren die Hochschule aussieht. Wenn Sie etwas an der FH sofort verändern könnten und dabei Geld und Bürokratie keine Rolle spielen würden, was würden Sie verändern? Träumen Sie!

Ich würde gerne die Lehre von der Lehre ent­lasten und For­schung und Transfer ermög­lichen. Also weniger Wochen­stunden. Die Erwar­tungen sind gestiegen und für kaum etwas gab es zusätz­liches Geld oder gar Zeit. Also das, was an For­schung statt­findet, muss weit­gehend aus Bord­mitteln gewuppt werden. Das ist ziemlich schwer. Wir können mehr in Richtung For­schungs­pro­fes­suren machen. Aber trotzdem sehen sich Leh­rende mit 18 SWS jetzt damit kon­fron­tiert, auch noch Dritt­mittel für die For­schung ran­holen zu müssen, Trans­fer­pro­jekte ein­zu­werben und viele andere Sachen am Laufen zu halten. Da wo die Praxis gut präsent ist oder Lehr­pro­jekte laufen, kann die For­schung nicht so groß­artig noch statt­finden.

Also der Traum von der Fee wäre, dass die Leute alle ein bisschen weniger Lehr­ver­pflichtung haben könnten. Wenn sie dann for­schen wollen oder digitale Lehre ent­wi­ckeln möchten, dass sie das auch machen können. Wir haben Ideen für  Formate, die wir ver­stärkt nutzen wollen. Auch ein Ziel für dieses Jahr, dass wir mehr For­schungs­pro­fes­suren haben und einen Inno­va­ti­ons­fonds auf­legen. Und damit dann ver­suchen, Leute mit inno­va­tiven Lehr­ideen zu unter­stützen. Und dann hätten die Studis auch was davon. 

Dann danke ich Ihnen für Ihre Zeit und das ausführliche Beantworten meiner Fragen. Viel Glück und vielleicht auch ein wenig Superheld*innenkraft für das kommende Jahr!

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